Altenpfleger/in

Eine Ausbildung, drei Fachbereiche: Mit der generalistischen Ausbildung droht der endgültige Pflegenotstand.

Alle für Gesundheit Altenpflege

von Kea Antes
am 24.04.2019

Altenpflegefachkräfte ermöglichen es uns, in Würde zu Altern. Sie unterstützen Seniorinnen und Senioren in allen Bereichen und sind gerade in der Langzeitpflege wichtige Bezugspersonen. Dementsprechend hoch ist die Dankbarkeit, die die Pflegebedürftigen ihnen entgegenbringen. Zudem herrscht aufgrund des Fachkräftemangels nahezu freie Arbeitgeberwahl. Um die Attraktivität des Berufs zu steigern, wurde das Pflegeberufereformgesetz verabschiedet.

Wir haben mit Christina Kaleve, Vorsitzende des Deutschen Berufsverbands für Altenpflege e.V. (DBVA) über die bevorstehenden Veränderungen gesprochen. Ihre Meinung: Das Gesetz werde die Situationen sogar weiter verschlimmern.

Christina Kaleve, Bundesvorsitzende des DBVA e.V.

Unsere Lebenserwartung steigt, wir werden immer älter. Laut einer Prognose des Statistischen Bundesamts sind 2060 38,2 Prozent der Bevölkerung in Deutschland 64 Jahre und älter – 1950 lag der prozentuale Anteil bei 14,6 Prozent. Viele verschiedene Aspekte beeinflussen diese Entwicklung. Etwa der medizinische Fortschritt, eine gesündere Lebensweise, humanere Arbeitsbedingungen und ein gut ausgebautes Gesundheitssystem. Doch Fakt ist auch, dass im Alter das Risiko für chronische Erkrankungen und Gebrechlichkeit steigt. Um eine gute Lebensqualität aufrecht zu erhalten, sind viele auf Hilfe angewiesen.

Anreizsysteme zur Mitarbeiterbindung

Diese Unterstützung leisten Altenpflegerinnen und Altenpfleger. Doch wie lange noch? Durch den demografischen Wandel sinkt die Zahl Erwerbstätiger und damit auch die Zahl jener, die sich potenziell zu Altenpflegefachkräften ausbilden lassen könnten. Hinzu kommt die Frage, ob junge Menschen überhaupt den Job erlernen möchten. „Ein Beruf ist besonders dann attraktiv, wenn ich so viel Gehalt bekomme, dass ich auch als Alleinverdiener bzw. -verdienerin eine Familie ernähren kann“, so Kaleve. „Das ist derzeit nicht der Fall. Kommen dann noch ungünstige Arbeitsbedingungen wie Überstunden, Zeitdruck und körperlich sowie psychisch hohe Belastungen hinzu, muss sich die Politik nicht wundern, wenn sich immer weniger Menschen zu Altenpfleger bzw. -pflegerinnen ausbilden lassen und die Zahl jener, die danach auch weiter in dem Bereich arbeiten, sinkt.“

Um Altenpflegefachkräfte dennoch für sich zu gewinnen und sie zu halten, gehen immer mehr Träger zu Anreizsystemen über, etwa Prämien für erfolgreich angeworbene Altenpflegerinnen und Altenpfleger und leistungsabhängige Vergütung. „Sie bekommen zu dem Grundgehalt dann einen Bonus für besonders gute Teamarbeit oder einen sehr verantwortungsbewussten Umgang mit Kollegen und Patienten“, sagt Kaleve.

Kaum Zeit für Zwischenmenschliches

Besonders der Personalmangel ist es, der zu den schlechten Arbeitsbedingungen führt. „Einspringen und Überstunden sind notwendig“, so die Vorsitzende des DBVA. Die Beschäftigten arbeiten unter ständigem Zeitdruck, insbesondere im ambulanten Dienst. Darunter wiederum leide sehr die Pflegebeziehung, es bliebe kaum Zeit für Zwischenmenschliches – ein unfassbar wichtiger Faktor in der Pflege, weiß Kaleve. „Die Einrichtungen wiederum müssen immer häufiger auf Hilfskräfte zurückgreifen, da die Versorgung der Älteren sonst nicht möglich wäre.“ Das Problem dabei: Laut Fachkräfteschlüssel müssen mindestens 50 Prozent der angestellten Altenpflegerinnen und -pfleger Fachkräfte sein. Stellen die Eirichtungen nun mehr Hilfskräfte ein, müssen sie auch die Zahl an Fachkräften erhöhen. „Durch den Fachkräftemangel ist jedoch genau das oft nicht möglich, die Einrichtungen stehen unter heftigem Druck“, weiß Kaleve.

Generalistische Ausbildung: Von allem ein bisschen

Die Politik weiß um die prekäre Lage in der (Alten-)Pflege. Sie hat das Pflegeberufereformgesetz auf den Weg gebracht, wodurch sich die Situation zukünftig deutlich bessern soll. „Positiv ist hervorzuheben, dass ab 2020 endlich überall in Deutschland kein Schulgeld mehr für die Ausbildung anfällt“, so Kaleve. „Was uns jedoch bitter aufstoßen lässt, ist die geplante generalistische Pflegeausbildung.“ Bisher konnten Auszubildende wählen, ob sie sich drei Jahre in der Kinderkrankenpflege ausbilden lassen oder in der Altenpflege. Zukünftig erhalten alle Auszubildende zwei Jahre eine gemeinsame Ausbildung. Danach können sie wählen, ob sie die generalistische Ausbildung fortsetzen und den Berufsabschluss „Pflegefachfrau/-mann“ erwerben, oder sich auf die Alten- oder Kinderkrankenpflege spezialisieren möchten. Diese spezifische Ausbildung erfolgt dann innerhalb eines Jahres.

„Die Ausbildung ist zwar breiter ausgelegt, dafür fehlt den Absolventen aber das notwendige spezifische Fachwissen für die Ausübung der Altenpflege (und Kinderkrankenpflege)“, so Kaleve. „Nicht nur die Qualität der Pflege leidet darunter. Wer eine dreijährige Berufsausbildung macht und dann im Alltag merkt, dass spezifisches Fachwissen für die Pflege fehlt, ist unglücklich und frustriert. Die Unzufriedenheit wiederum wird dazu führen, dass viele den Beruf wieder verlassen.“

Ausbildungsplätze auf dem Land fallen weg

Die Vorsitzende des DBVA sieht einen weiteren Punkt des Pflegeberufereformgesetzes als kritisch an: Dadurch, dass alle Azubis in den ersten zwei Jahren in allen Bereichen ausgebildet werden, haben sie sehr kurze Praxiseinsätze. Dadurch herrscht ein wahnsinniger Wechsel in den einzelnen Einrichtungen – und das in der Langzeitpflege, mit alten Menschen, die vielleicht auch an einer Demenzerkrankung leiden. „Langzeitpflege ist Beziehungsarbeit und erfordert personelle Kontinuität, die durch diese kurzen Einsätze nicht ermöglicht werden kann.“

Ein weiteres Ziel der Regierung ist es, die Zahl an Ausbildungsplätzen zu erhöhen. „Das ist ja sehr positiv, aber dafür brauchen die Schulen vor allen Dingen eines: Mehr Personal. Und dafür wiederum benötigen sie höhere finanzielle Mittel. Diese fehlen jedoch jetzt schon an vielen Schulen, insbesondere an Fachseminaren. Das Resultat ist, dass sich schon jetzt immer Schulen zu Zentralschulen zusammenschließen, um den Anforderungen gerecht zu werden“, weiß Kaleve. „Dieser Trend wird sich weiter fortsetzen: Kleine Fachseminare im ländlichen Raum schließen und die Auszubildende sind dann gezwungen, an größere Zentralschulen, vielleicht 20 oder 30 Kilometer vom Wohnort entfernt, zu gehen. Eine wohnortnahe Ausbildung, die die Politik fördern möchte und die so wichtig für die Attraktivität der Ausbildung ist, sieht für mich anders aus.“

Das schlechte Image schadet dem Beruf

In den Medien wird immer wieder zu den Missständen in der Altenpflege berichtet. „Es ist richtig, die Öffentlichkeit darüber zu informieren, denn die Arbeitsbedingungen müssen sich einfach dringend ändern“, sagt die Vorsitzende des DBVA. „Doch die vielen Schlagzeilen sorgen dafür, dass das Image des Berufes sehr schlecht ist. Die tollen Aspekte, die den Beruf so erfüllend machen, kommen nicht mehr zur Sprache – ein fataler Fehler. Die Dankbarkeit, die Altenpflegekräfte von den Seniorinnen und Senioren erfahren, ist enorm hoch. Was Altenpflegerinnen und -pfleger ihnen an Zuwendung geben, bekommen sie in fast allen Fällen auch zurück. Denn sie sind es, die das Altern lebenswerter gestalten.“

Fazit

Der DBVA zweifelt daran, dass die generalistische Ausbildung den Fachkräftemangel in der Altenpflege tatsächlich bekämpft. „Die Auszubildenden, die sich für die Altenpflege entscheiden, tun dies sehr bewusst“, so Kaleve. „Sie machen das nicht aus einer Laune heraus, weil sie sonst nicht wissen, was sie machen sollen.“ Die Vorsitzende befürchtet, dass sich mit Einführung der generalistischen Ausbildung nicht mehr, sondern noch weniger Menschen für die Altenpflege entscheiden. Im gleichen Zug verweist sie auf eine Studie der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie e.V. (DGGPP), die ihre Befürchtungen bestärkt. Von den rund 8.000 befragten Altenpflegeschülern gaben 37 Prozent an, unter den Bedingungen der generalistischen Ausbildung (mit Theorie und Praxis-Einheiten in der Kranken-und Kinderkrankenpflege) die Ausbildung nicht mehr machen zu wollen. „Die Studie wurde 2015 durchgeführt, das Gesetz war zu dem Zeitpunkt noch nicht durch“, sagt die Vorsitzende. „Es wäre interessant zu wissen, wie hoch der Anteil jetzt wäre, noch nicht mal mehr ein Jahr bis zum Start der neuen Ausbildung.“

„Bewahrheitet sich das, stehen wir vor einer echten Katastrophe, denn dann wird sich der Pflegenotstand nicht bessern, sondern noch weiter verschlechtern“, so Kaleves Befürchtung.

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