DEN typischen Alltag gibt es nicht – und deshalb liebe ich, was ich tue.

Im Portrait: Birgit Blumenschein, freiberufliche Diätassistentin aus Münster

Birgit Blumenschein, 49 Jahre, entschied sich vor 14 Jahren für die Selbstständigkeit. Sie gab ihren Job als Schulleiterin einer Diätassistentenschule auf und eröffnete eine Ernährungsberatungspraxis in der Nähe von Stuttgart, später dann in Münster. Ob sie den Schritt je bereut hat? Nein, sie habe ihren Traumberuf gefunden – und möchte auch andere Diätassistentinnen für die Selbstständigkeit begeistern.

Viele Patienten sieht Frau Blumenschein nur ein einziges Mal. „Manchmal reicht eine einmalige Beratung tatsächlich schon aus, um den Patienten zu mehr Lebensqualität zu verhelfen“, sagt sie. Erst vor wenigen Tagen habe sie eine Rückmeldung von einer solchen Patientin erhalten. „Die Patientin rief an und war total happy, weil die Ernährungstherapie so gut angeschlagen hat.“ Die Magensäureblocker, die sie einnehmen musste, sind ihr nicht bekommen. Sie hatte den Wunsch, die Ernährung so umzustellen, dass sie auf die magensäurehemmenden Medikamente verzichten kann. Das Spannende daran war, dass sie zu Beginn der Beratung vermutete, dass es eigentlich nichts mehr gäbe, was sie besser machen könnte. „Die Patientin war erstaunt, als ich doch das eine oder andere Lebensmittel, ein paar Zubereitungsweisen und Speisen als ungeeignet identifiziert habe“, erzählt die Diätassistentin.

Überhaupt eine Rückmeldung von Patienten zu erhalten, sei jedoch leider eher die Ausnahme als der Regelfall. „Das ist schade, denn so weiß ich oftmals gar nicht, ob meine Empfehlungen tatsächlich so gut geholfen haben, wie ich mir das vorgestellt habe“ sagt Frau Blumenschein. Umso größer sei dann die Freude, wenn sich ein Patient oder eine Patientin bei ihr meldet und von den Erfolgen berichtet. „In solchen Momenten wird mir einmal mehr bewusst, dass der Entschluss, eine eigene Ernährungsberatungspraxis zu eröffnen, mit die beste Entscheidung in meinem Leben war“, sagt die Diätassistentin.

Von der Schulleitung zur eigenen Praxis

Frau Blumenschein gibt zu: „Es klingt sehr klischeemäßig, wie ich zu dem Beruf gekommen bin.“ Schon als Jugendliche kochte und backte sie viel und gerne. Nach ihrem Abitur 1988 begann sie dann die zweijährige Ausbildung zur Diätassistentin in Heidelberg. Im Anschluss arbeitete Frau Blumenschein sechs Jahre in Krankenhäusern und Reha-Kliniken. Sie berechnete Nährwerte, schulte die Patienten und bereitete das Essen zu. Ihr Mann zog dann beruflich nach Rostock – und sie hinterher. Dort leitete sie eine Diätschule. „Das Land Mecklenburg-Vorpommern gab vor, dass die Schulleitung pädagogisches Können mitbringen muss.“ Aus diesem Grund studierte sie fünfeinhalb Jahre berufsbegleitend Medizinpädagogik.

Schon während dieser Zeit liebäugelte sie mit der Selbstständigkeit. 2003 zog es sie dann nach Baden-Württemberg, wo sie ihre erste eigene Ernährungsberatungspraxis eröffnete. Vier Jahre später folgte der Umzug nach Münster. Dort arbeitete Frau Blumenschein zunächst ohne feste Räumlichkeiten als freiberufliche Diätassistentin in Arztpraxen, bis sie schließlich 2015 eine eigene Ernährungstherapiepraxis in Münster eröffnete.

Ein Vorurteil hält sich hartnäckig

Frau Blumenschein berät in ihrer Praxis viele Patienten mit gastroenterologischen Krankheiten wie Colitis ulcerosa, Morbus Crohn und Zöliakie. Auch Adipositasberatungen führt sie durch. Viele adipöse Patienten begleitet sie über Monate. „Je intensiver die Zusammenarbeit ist, desto besser lerne ich die Patienten auch persönlich kennen“, sagt die Diätassistentin. „Wenn dann eine Beratung mal nicht so gut gelingt, macht mich das schon traurig. Besonders, wenn Patienten sich wirklich ganz streng an die auferlegten Maßnahmen gehalten haben.“ Sie mache sich aber nichts vor: Ernährungstherapien schlagen nun einmal nicht immer so an, wie sie es gerne hätte. Durch die Umstellung der Ernährung erziele sie oft gute Ergebnisse, aber eine alleinige Ernährungstherapie ist nun einmal in den seltensten Fällen ein Allheilmittel.

Auch der Faktor Mensch spielt eine Rolle dabei, wie erfolgreich eine Therapie anschlägt. Frau Blumenschein begegnet oft Menschen, die der Beratung sehr skeptisch gegenüber stehen – und bei denen die Ernährungstherapie schon aufgrund dieser Haltung oft weniger effektiv ist. „Viele haben Angst, dass ich alle `leckeren‘ Lebensmittel streiche und sie kaum noch etwas essen können“, sagt die Diätassistentin. „Diese Meinung hält sich hartnäckig. Natürlich ist das nicht so. Und das sage ich den Patienten dann auch direkt als erstes.“ Viele seien dann meist deutlich entspannter – und kooperativer.

Das Interesse wächst

Natürlich muss Frau Blumenschein nicht nur mit Patienten kooperieren. Auch der Kontakt mit Ärzten ist wichtig, denn nur sie können Ernährungsberatungen verordnen, die die Krankenkassen bezuschussen oder finanzieren. Die Selbstständige tritt am liebsten direkt mit den Ärzten in Kontakt, besucht sie in der Praxis und spricht persönlich mit ihnen, um ihnen zu erklären, wann ein Rezept für Ernährungstherapie sinnvoll sein kann.

„Das ist nicht immer angenehm“, gibt Frau Blumenschein zu. „Es kann schon einmal vorkommen, dass Ärzte sehr forsch werden und meine Arbeit in Frage stellen.“ Manche von ihnen sähen keinen Nutzen darin, ihre Patienten zu einer Diätassistentin zu schicken. Solche Situationen seien aber zum Glück sehr selten. Frau Blumenschein hat eher das Gefühl, dass immer mehr Ärzte aufgeschlossener gegenüber den Themen Ernährungsmedizin und -beratung sind. Viele Ärzte wissen den Beruf der Diätassistenten heute mehr zu schätzen – so ihre Empfindung, wenn sie an den Beginn ihrer Selbstständigkeit zurückdenkt.

Berufsbezeichnung stiftet manchmal Verwirrung

Wesentlich häufiger hapert es hingegen an der Zusammenarbeit mit den Krankenkassen. „Der bürokratische Aufwand ist oft sehr umständlich und frisst viel Zeit“, sagt Frau Blumenschein. Aber das sei meist gar nicht das Hauptproblem, sondern die Kommunikation. „Ich reiche regelmäßig Kostenvoranschläge für die Ernährungsberatungen bei den Krankenkassen der Patienten ein. Dieser Schritt ist wichtig, damit die Krankenkassen die Kosten übernehmen beziehungsweise sich daran beteiligen“, sagt die Diätassistentin. „Obwohl es dafür feste Vorgaben gibt, kommt es bei der Zusammenarbeit immer wieder zu Missverständnissen.“ Eine Situation ist ihr besonders im Gedächtnis geblieben. Ein Sachbearbeiter fragte sie am Telefon, ob sie von der „DGE“ (Deutsche Gesellschaft für Ernährung e.V.) sei. Frau Blumenschein verneinte. Ohne weitere Diskussion lehnte der Sachbearbeiter den Kostenvoranschlag und das Beratungsanliegen für den Patienten ab.

Irgendwann stellte sich dann heraus, dass der Sachbearbeitet den gesamten Kontext der Qualifikationsanforderungen einfach nicht gelesen hat. „Er nahm an, nur mit dem Titel Ernährungsberater/DGE dürfe man Beratungen abrechnen.“ Dass sie als Diätassistentin mit Zusatzqualifikation ebenso berechtigt ist, Beratungen durchzuführen, die über die Krankenkasse abgerechnet werden können, hat er nicht korrekt gelesen. „Ohne Intervention und Hartnäckigkeit wäre der Auftrag für mich verloren gewesen.“

Immer gleiche Tage gibt es nicht

Mehrmals die Woche führt Frau Blumenschein Telefongespräche mit Krankenkassen und Ärzten. Da sie nicht jeden Tag rund um die Uhr in der Praxis ist, muss sie die Termine besonders sorgsam planen. Denn neben den Ernährungsberatungen führt Frau Blumenschein in Betrieben und Schulen regelmäßig Aktionstage zum Thema gesunde Ernährung durch. Zusätzlich lehrt sie an der praxisHochschule am Campus Rheine. Dort ist sie im Studiengang Clinical Nutrition als wissenschaftliche Mitarbeiterin angestellt.

„Wann immer es geht, richte ich mir Beratungstage ein“, sagt Frau Blumenschein. „Dann bin ich den ganzen Tag in der Praxis und kümmere mich um meine Patienten.“ Der Zeitplan ist an solchen Tagen meist sehr eng getaktet. Bis zu fünf Patienten kommen zu ihr in die Praxis. Die kurzen Pausen zwischen den Terminen nutzt sie, um die alte Beratung nach und die kommende vorzubereiten. Hinzu kommen viele telefonische Informationsgespräche mit Patienten, die einen Kostenvoranschlag benötigen oder sich anmelden möchten.

Mut zur Selbstständigkeit

Auf die Frage, wie zufrieden sie mit ihrem Beruf sei, antwortet Frau Blumenschein: „Ganz ehrlich, ich liebe ihn.“ Mit viel Arbeit habe sie sich ein ganz besonderes Privileg erarbeitet, das sie sehr zu schätzen wisse. „Ich lege meine Arbeitsbedingungen selbst fest. Mittlerweile kann ich auch mal Aufträge ablehnen, die mir nicht so zusagen.“ Das war aber nicht immer so, betont sie. Sie wünscht sich, dass noch viel mehr Diätassistenten den Mut haben, sich selbstständig zu machen – und damit auch so zufrieden sind, wie sie. „An Aufträgen hapert es auf jeden Fall nicht!“

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