Ergotherapeut/in

Wie arbeiten Ergotherapeuten?

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Kompetenzen der Berufsgruppe Ergotherapeuten

Wer denkt, ihm könne eine Ergotherapie weiterhelfen, kann sich nicht einfach in der Praxis einer Ergotherapeutin oder in der ergotherapeutischen Abteilung einer Klinik vorstellen und behandeln lassen. Ähnlich wie auch Physiotherapeuten und Logopäden arbeiten Ergotherapeuten in der Regel auf eine Verordnung oder Anweisung hin, die ein Arzt ausgestellt hat

Bevor Ergotherapeuten in ihrer Praxis Patienten behandeln dürfen, müssen Ärzte auf einer Verordnung ein „Heilmittel“ verschreiben – also eine persönliche Dienstleistung, die später Physiotherapeuten, Logopäden, Ergotherapeuten oder Podologen ausführen. Deswegen fasst man diese Berufsgruppen auch unter dem Begriff „Heilmittelerbringer“ zusammen. Auf dieser Verordnung holen die Therapeuten für jede wahrgenommene Therapieeinheit eine Unterschrift vom behandelten Patienten ein, bis dieser die verordnete Therapie durchlaufen hat. Dann können sie die Verordnung mit der Krankenkasse des Patienten abrechnen, erhalten also von der Versicherung ihre Bezahlung für die Behandlung.

Probleme bei Formalitäten
Laut Arnd Longrée vom Deutschen Verband für Ergotherapie (DVE) kommen Probleme in diesem System vor allem in der Abrechnung der Leistungen auf. Formfehler auf dem Rezept können zum Beispiel dazu führen, dass Therapeuten später kein Geld von der Krankenkasse des Patienten erhalten – oder nur mit viel Hin und Her und Rücksprachen mit den Ärzten. Darüber hinaus gibt es ein Steuerungssystem, das die Menge an Heilmittel-Leistungen, die ein Arzt verordnen darf, begrenzt. „Das führt durchaus dazu, dass manche Menschen, die eine Therapie benötigen, sie nicht so erhalten, wie es sinnvoll wäre“, so Longrée.

Ergotherapeuten können ihre Methoden relativ frei wählen
In der Therapie selbst sind die Ergotherapeuten dann relativ frei. Ärzte verschreiben auf dem Rezept eines von vier ergotherapeutischen Heilmitteln, zum Beispiel „motorisch-funktionelle Behandlung“ oder „Hirnleistungstraining“. Innerhalb dieser vier Bereiche können die Therapeuten dann aus verschiedenen Methoden und Therapie wählen.

Longrée zufolge verordnen die Ärzte in den allermeisten Fällen auch die passende Therapie. „Tun sie das einmal nicht, stellen sich auch die wenigsten quer, wenn Ergotherapeuten anrufen, sie auf den Fehler hinweisen und um eine Änderung bitten.“ Allerdings geben die Verordnungen den Therapeuten ziemlich starr vor, wie viele Therapiesitzungen sie abhalten dürfen und in welcher Frequenz sie stattfinden sollen.

„Blankoverordungen“ geben Therapeuten mehr Freiheiten
Das könnte sich aber bald ändern. Am 16. Februar 2017 verabschiedete der Bundestag das Heil- und Hilfsmittelversorgungsgesetz (HHVG). Es enthält eine Änderung, die auf lange Sicht die Arbeit unter anderem von Ergotherapeuten verändern könnte: Die Therapeutenverbände und Krankenkassen sollen in den nächsten Jahren sogenannte Blankoverordnungen erproben. Das sind Rezepte, die den Therapeuten mehr Freiheiten einräumen, um die Therapie zu gestalten.

Mehr Freiheit bei Behandlungsfrequenzen und Hausbesuchen
Sie sollen vor allem die Frequenz der Behandlungen flexibler mit den Patienten regeln können. „Akute Schlaganfall-Patienten brauchen zum Beispiel oft mehr Sitzungen als zwei pro Woche, bei anderen Patienten sind größere Abstände sinnvoll“, erklärt der DVE-Vorsitzende. „Der Arzt, der Patienten nicht in ihrem Alltag erlebt, kann das lange nicht so gut einschätzen wie der Therapeut, der viele Patienten zweimal in der Woche für 45 Minuten sieht.“

Für die Ergotherapeuten wäre es zudem sinnvoll, so Longrée, wenn sie auf Basis der Blankoverordnung selbst entscheiden dürfen, wann sie Hausbesuche abstatten. Da sie sich mit den alltäglichen Tätigkeiten ihrer Patienten befassen, ist es therapeutisch häufig hilfreich, auch im alltäglichen Umfeld zu arbeiten.

Therapeuten möchten auf Augenhöhe mit Ärzten arbeiten
Viele Therapeuten sehen die Blankoverordnung ohnehin nur als einen Zwischenschritt. Sie wünschen sich einen Direktzugang. Das bedeutet, dass Ergotherapeuten in niedergelassenen Praxen, aber auch in Kliniken, Patienten behandeln können, ohne dass ein Arzt die Behandlung angeordnet hat. „In Deutschland sind wir in den Köpfen gerade noch weit davon entfernt, hier sind die hierarchischen Strukturen, in denen Ärzte das Sagen haben, stärker ausgeprägt als in anderen Ländern“, sagt Longrée.

Ein Arbeiten auf Augenhöhe stellt der DVE-Vorsitzende sich in Zukunft folgendermaßen vor: Patienten können wählen, ob sie zuerst direkt einen Ergotherapeuten oder einen Arzt aufsuchen. „Jeder weiß dann, was der andere kann, ohne hierarchisches Denken“, so Longrée. „Ärzte schicken Patienten zur Ergotherapie, wenn sie den Bedarf sehen. Wir schicken wiederum Patienten zum Arzt, wenn wir Anzeichen für andere Krankheiten entdecken.“

Eine Umstellung dorthin müsse sich erst über einen gewissen Zeitraum entwickeln. „Eine Kultur ändert sich nicht von heute auf morgen“, sagt er. „In Deutschland gehen Menschen nun einmal mit ihren Beschwerden zuerst zum Arzt, die meisten kommen erst an einem bestimmten Punkt überhaupt mit Ergotherapie in Kontakt.“ Deswegen hält Longrée Blankoverordnungen für sinnvoll, um langsam ein Umdenken einzuläuten und so einen ersten Schritt hin zum Direktzugang zu gehen.

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