Beruf: Ergotherapeutin

Mit Kindern den Alltag erlernen

Wie eine Ergotherapeutin in ihrer Praxis arbeitet

Silke Scholz arbeitete Anfang der 90er Jahre in einer der ersten Praxen für Ergotherapie in Ostdeutschland. Seit 1994 führt sie ihre eigene Praxis mit neun Mitarbeitern in Berlin Pankow. Sie berichtet von ihrer Arbeit mit Kindern und Hausbesuchen in der Kita, aber auch von Bürokratie und Fachkräftemangel.

Manchmal weiß auch Silke Scholz nicht weiter. Einmal in der Woche besucht sie Julia (Name der Patientin geändert) in deren Kita. Seit einer Meningitis ist das kleine Mädchen körperlich und geistig behindert. Scholz beschäftigt sich 45 Minuten lang mit ihr, gibt ihr Zuwendung, ermöglicht ihr, zu spielen und zu basteln und Bewegungen durchzuführen, von denen die Kleine nicht wusste, dass sie sie hinbekommt. Dann entlässt sie sie in eine Welt, die sich nicht auf sie einstellen will oder kann. Eine Welt aus überforderten Eltern und einer Kita mit zu wenig und häufig wenig interessiertem Personal, das Julia und ihren Rollstuhl oft in der Ecke abstellt.

„Dabei kostet nicht einmal jede Lösung Geld. Eltern und Erzieher müssen sich manchmal nur ihres gesunden Menschenverstands bedienen“, sagt Scholz. „Wenn alle Kinder Musik hören und tanzen, könnten die Erzieher die Kinder ja auch bitten, einmal vorsichtig mit Julia und ihrem Rollstuhl zu ihr tanzen.“ Den Menschen beizubringen, auf solche Dinge zu achten, ist ein wichtiger Teil der Arbeit der Ergotherapeutin. Häufig gelingt das und das Umfeld der Kinder ist sehr engagiert, aber es gibt auch schwierige Fälle wie den der kleinen Julia. Das zeigt vor allem: Im Umgang mit kranken und behinderten Menschen muss die ganze Gesellschaft mitspielen, damit Therapeutinnen wie Silke Scholz ihnen helfen können.

Scholz war Teil einer jungen Disziplin

Schon zu Schulzeiten war Scholz an der Arbeit mit Menschen interessiert – und an allem, was mit Handwerk zu tun hatte. Ihre Tante, eine Physiotherapeutin, wies sie auf einen Beruf hin, der damals, in der DDR der 1980er Jahre, neu war. Ein Beruf, in dem Therapeuten mit ihren Patienten handwerklich arbeiten. Scholz folgte dem Tipp und wurde im Jahr 1988, nach Praktika in Werkstätten für Menschen mit Behinderung (damals: Geschützte Werkstätten) und drei Jahren Ausbildung, Ergotherapeutin.

Ende der 80er Jahre war die Ergotherapie noch eine junge Disziplin und fand in den neuen Bundesländern fast ausschließlich in stationären Einrichtungen statt. Scholz baute an ihrem ersten Arbeitsplatz, einem Altenheim, die Ergotherapie-Abteilung mit auf. Nach vier Jahren wechselte sie dann zu einer Bekannten, die damals die erste ergotherapeutische Praxis in Ost-Berlin gründete. 1994 eröffnete sie schließlich ihre eigene Praxis in Berlin Pankow – die sie heute immer noch führt.

In der Praxis arbeiten neben Scholz eine Rezeptionskraft und acht Therapeutinnen. Die Praxischefin selbst ist auf die Behandlung von Kindern spezialisiert, ihre Mitarbeiterinnen betreuen auch Erwachsene. Sie bieten zum Beispiel Hirnleistungstraining für Demenzkranke und Motorik- und Wahrnehmungstraining für Schlaganfall-Patienten an.

Hausbesuche und Praxisführung

Scholz‘ Arbeitstag beginnt häufig mit Hausbesuchen. Sie betreut ihre kleinen Patienten in Tageseinrichtungen und macht sich einen Eindruck von ihrem Alltag. Dabei geht es meistens um Kinder wie Julia, die behindert oder von einer Behinderung bedroht sind. Nach zwei, drei Besuchen in Kitas und Kindergärten fährt die Ergotherapeutin dann in ihre Praxis. Zunächst schreibt sie Pläne und führt Gespräche mit Mitarbeitern, über organisatorische Dinge, aber auch über die Behandlung und über einzelne Patienten. Anschließend betreut sie Kinder auch in der Praxis.

„Unsere Klienten haben aufgrund von Entwicklungseinschränkungen ein Problem im Alltag“, berichtet Scholz. Die Ursache ist dabei nicht immer eine Behinderung. Einige Kinder weisen auch nur Verzögerungen in der Entwicklung auf, haben Wahrnehmungs- oder Koordinationsstörungen. „Das grundlegende Vorgehen in der Therapie ist dann immer ähnlich, egal ob in der Praxis oder Kita“, erzählt Scholz. Sie geht dem Problem der Kinder auf den Grund: Welche Aktivität kann das Kind nicht durchführen – und warum? Welche Voraussetzungen müssen sich beim Kind und in dessen Umfeld ändern?

Probleme finden, Tätigkeiten üben

Daran richtet die Ergotherapeutin dann ihre therapeutischen Übungen aus. „Zum Beispiel kann sich zeigen, dass das Kind Probleme mit dem Malen hat. „Das kann daran liegen, dass es sich nicht auf dem Blatt orientieren kann, dass es den Stift nicht richtig halten kann oder dass ihm das Verständnis für die Form fehlt“, sagt Scholz. Je nachdem setzt die Therapeutin dann Malübungen ein oder lässt Kinder das Geschick in den Fingern trainieren.

Findet die Therapie in der Kita statt, kann Scholz auf weniger Therapiegeräte und mögliche Übungen zurückgreifen. Dafür nutzt sie die Dinge, die das Kind sowieso in einem Alltag umgeben und sieht, wie ihr Patient damit umgeht. Bei eingeschränkter Fingermotorik etwa ist auch das fehlende Gerät kein Problem, hier genügen für das Training oft kleine Murmeln. „Wenn ein Kind aber grobmotorische Bewegungsschwierigkeiten hat und zum Beispiel nicht gut Fahrrad fahren kann, dann kann ich in der Praxis auch mit Schaukeln, Rutschen oder Klettern sein Gleichgewicht trainieren“, erklärt Scholz.

Parallel dazu schaut die Ergotherapeutin, was die Bezugspersonen, Eltern und Erzieherinnen, für den Alltag mitnehmen können und lässt sich von ihnen über die Fortschritte der Kinder berichten. 

Praxisinhaberin: Therapeutin und Chefin

Als Praxisinhaberin ist Scholz zudem Freiberuflerin und Arbeitgeberin. „Ich habe auch die Verantwortung dafür, dass meine Mitarbeiter gut arbeiten können und dass es wirtschaftlich so klappt, dass ich die Löhne zahlen kann“, berichtet sie. Auf der anderen Seite sorgt sie dafür, dass ihre Angestellten sich an die Regeln halten. Dabei geht es zum einen um das Leitbild der Praxis. Scholz achtet etwa darauf, dass alle Mitarbeiter gut fortgebildet sind, sich spezialisieren und dem Therapiestil der Praxis treu bleiben.

Zum anderen müssen die Therapeuten die Verträge der Berufsverbände mit den Krankenkassen einhalten, die vor allem organisatorische Dinge regeln. Sie schreiben zum Beispiel vor, was auf den Rezepten stehen muss und wie lange die Behandlungen sein sollen. Scholz zufolge gibt es immer mehr Formalitäten und Kontrollen von Seiten der Krankenkassen. „Uns erschwert das zunehmend die Arbeit“, sagt sie.

Bürokratie regelt die Therapie

Die Therapiesitzungen selbst können Ergotherapeuten ziemlich frei gestalten. Die Rahmenbedingungen der Therapie sind allerdings streng geregelt. „Ich bin eine hochspezialisierte Ergotherapeutin mit 30 Jahren Berufserfahrung – mit mehr Selbstverantwortung würde ich sicher vieles anders gestalten“, sagt Scholz.

Sie erklärt das an einem Beispiel: Üblicherweise erhält sie von einem Arzt zum Beispiel eine Verordnung über zehn Mal 45 Minuten sensomotorische Ergotherapie. Die Therapie soll dann wöchentlich stattfinden, Pausen zwischen Behandlungen dürfen nicht länger als 14 Tage sein. Die Verordnung umfasst nur eine Beratung im häuslichen Umfeld, also zu Hause oder in der Kita.

Hätte Scholz freie Hand, würde sie die Therapie anders aufbauen: „Ich würde oft lieber in der ersten Woche drei Termine machen, um das Kind kennenzulernen. Dann gebe ich den Eltern Infos an die Hand und bitte sie, auf bestimmte Sachen zu achten. Vier Wochen später besuche ich das Kind im Kindergarten und rede mit der Erzieherin, danach bestelle ich das Kind wieder in die Praxis.“ Wäre die Ergotherapeutin flexibler, was Frequenzen, Pausen und Orte der Therapie angeht, könne sie sich mehr darauf einstellen, welche Intensität der Therapie ihr Patient gerade braucht. „Ein Arzt, der das Rezept schreibt, kann das so nicht überblicken“, sagt Scholz.

Wenig Geld für anspruchsvolle Arbeit

Ein weiteres Problem ist die Vergütung, die die Praxis von den Krankenkassen für die Therapie erhält. „Sie steht in keinem Verhältnis zu dem Anspruch, den ich an meine Therapie habe“, so die Praxischefin. Für eine 45-minütige Behandlung am Patienten bekomme Scholz in Berlin im Durchschnitt 38 Euro. In dieser Zeit haben die Therapeuten aber noch keinen Behandlungsplan ausgearbeitet, mit keiner Kita telefoniert, keine Videos aus den Sitzungen ausgewertet, keine Fortbildungen besucht und so weiter. „Natürlich setze ich meine Ansprüche an die Therapie trotzdem um und höre nicht einfach auf zu sprechen, wenn die 38 Euro abgearbeitet sind“, sagt Scholz. „Das ist dann schon ein Stück Selbstausbeutung.“

Ersatz zu finden ist schwer

Wenn ein Job immer mehr Selbstausbeutung erfordert, sind meist auch immer weniger Leute bereit, ihn auszuüben. Das spürt auch Scholz. „Als ich Mitte der 90er Jahre angefangen habe, habe ich auf Stellenanzeigen bis zu 50 Bewerbungen erhalten. Heute kann ich von Glück reden, wenn ich eine bis zwei Rückmeldungen bekomme“, berichtet sie. Der Beruf sei nach wie vor beliebt. Einen Fachkräftemangel gebe es trotzdem. Wenn die Auszubildenden mitbekommen, wie wenig Geld sie nach der teuren Ausbildung für die anspruchsvolle Arbeit bekommen sollen, schrecke das viele ab.

Auch Kolleginnen, die einen der neuen Studiengänge absolviert haben, sind oft ernüchtert – Scholz kann ihnen nicht mehr Geld zahlen, Bachelor hin, Bachelor her. Die Kassen ändern deswegen ihre Sätze nicht. Scholz hält die Akademisierung des Berufs trotzdem für wichtig. „Wir brauchen Therapeuten, die Forschung betreiben und nachweisen, dass unsere Therapie sinnvoll ist“, sagt sie. Vielleicht spricht dann auch die Gesellschaft mehr über die Ergotherapie – und lässt Menschen und ihre Rollstühle seltener in der Ecke stehen.

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