Beruf: Freiberufliche Hebamme

Hebamme aus Leidenschaft – trotz Bürokratie und teurer Haftpflichtversicherung

Ursula Jahn-Zöhrens, freiberufliche Hebamme aus Bad Wildbad im Schwarzwald

Ursula Jahn-Zöhrens kann auf ein 30-jähriges Berufsleben zurückblicken. Hebamme zu sein war für die 53-Jährige Freiberuflerin immer viel mehr als nur ein Job. Doch trotz aller Euphorie, die auch nach so vielen Jahren nicht nachgelassen hat, weiß sie um die Schattenseiten des Berufs und beobachtet die aktuellen Entwicklungen mit großer Sorge.

Eine junge Mutter wollte unbedingt stillen. Erst klappte es nicht, dann versuchte sie es immer und immer wieder, bis sie schließlich den gewünschten Erfolg hatte. Eine schwangere Jugendliche sollte Unterstützung durch ein Förderprogramm erhalten und brach fünf Wochen vor der Geburt einfach den Kontakt. Ursula Jahn-Zöhrens hat in ihren 30 Jahren als Hebamme viele schöne, aber auch ein paar ärgerliche Erinnerungen gesammelt. Die Leidenschaft für ihren Beruf hat dabei sie nicht verloren. „Es ist für mich die wichtigste und schönste Aufgabe, Menschen bei ihrem Start ins Leben zu begleiten“, sagt sie.

Ein Fall blieb ihr besonders im Gedächtnis: der einer jungen Mutter von drei kleinen Kindern, deren Jüngstes in der 33. Schwangerschaftswoche zur Welt kam – als Frühgeburt gelten Niederkünfte bereits vor der abgeschlossenen 37. Schwangerschaftswoche. Die junge Mutter machte alles, um ihr derart früh geborenes Kind alleine zu versorgen, ließ sich die Handhabung der Magensonde erklären und konnte nach zwei Wochen das Baby voll stillen. Das Frühchen entwickelte sich prächtig. Nach sechs Wochen litt es an einer gefährlichen Atemwegsinfektion und musste erneut in die Klinik. „Gott sei Dank konnte es nach wenigen Tagen wieder gesund entlassen werden“, erzählt Jahn-Zöhrens.

Berufswunsch „Hebamme“, von Anfang an

Der Beruf der Hebamme war Ursula Jahn-Zöhrens quasi schon in die Wiege gelegt. „Meine Tante war freiberufliche Hebamme im Raum Tübingen. Als alleinstehende Frau verbrachte sie Weihnachten immer bei uns und wurde natürlich auch an den Feiertagen gerufen“, erzählt die Geburtshelferin. So lernte sie den Beruf ihrer Tante von klein auf kennen.

Nach dem Abitur schwankte Ursula Jahn-Zöhrens zwischen der Hebammenausbildung und einem Studium der Politik und Sozialwissenschaften. Als sie 1984 den Ausbildungsplatz an der Staatlichen Hebammenschule an der Universitäts-Frauenklinik Tübingen bekam, waren die Würfel gefallen. „Die Chance musste ich einfach ergreifen“, erinnert sie sich heute, „gab es doch damals rund 1.000 Bewerber auf 20 Plätze!“

„Senior-Partnerin“ – ein großes Glück für den Berufsstart

Nach ihrem Staatsexamen arbeitete die gebürtige Schwarzwälderin zunächst als Angestellte in einem Kreiskrankenhaus im Taunus. Knapp zwei Jahre später ließ sie sich als freiberufliche Hebamme in ihrer Heimat nieder. Viele ihrer Kolleginnen – und auch sie selbst – machen sich nach der Geburt ihres ersten Kindes selbstständig. „Ich hatte bei meinem Start großes Glück: Ich traf eine ältere Kollegin vor Ort, die mich an die Hand nahm und mit deren Unterstützung ich auch Hausgeburten selbständig durchführen konnte“, so Jahn-Zöhrens. Ein solches Glück wünsche sie allen Berufsanfängerinnen. Ihrer „Senior-Partnerin“ sei sie immer noch „unendlich dankbar“.

An sieben Tagen die Woche 24 Stunden erreichbar

Wenn die Hebamme an ihren Tagesablauf denkt, muss sie lächeln: „Ich habe einen Arbeitsalltag, den viele jüngere Kolleginnen heute nicht mehr wollen: Ich bin an sieben Tagen die Woche 24 Stunden erreichbar!“ Jahn-Zöhrens Credo lautet: „Eine schwangere Frau kommt besser zurecht, wenn sie eine größere Sicherheit spürt. Die Möglichkeit, mich jederzeit anrufen zu können, bringt ihr diese Sicherheit.“ Ausgenutzt habe diese Situation in ihrer 30-jährigen Laufbahn noch keine einzige Klientin.

Das heißt allerdings nicht, dass die Hebamme bei einem Kinobesuch ihr Handy nicht auch mal auf lautlos stellt oder ausschaltet. Auch auf Urlaub muss sie nicht verzichten „Ich habe hier im engeren Umkreis Kolleginnen, die mich für aktuelle Wochenbett-Betreuungen vertreten“, berichtet sie.

Geburtshilfe aufgegeben

Der Inhalt von Ursula Jahn-Zöhrens Tätigkeit hat sich in der Zwischenzeit gewandelt – im Jahr 2010 gab Ursula Jahn-Zöhrens die eigentliche Geburtshilfe auf. Seitdem konzentriert sie sich auf andere Aspekte: die Begleitung von Frauen zu Beginn der Schwangerschaft, die Geburtsvorbereitung mit Atemtechniken, Gebärhaltungen und Entspannungsübungen und die Wochenbett-Betreuung mit Informationen zum Stillen und zur Ernährung des Babys. Es gab zwei Gründe für diesen Schritt: Erstens hatte sich eine Kollegin im Kreis auf die Geburtshilfe spezialisiert, zweitens schreckten die hohen Kosten für die Haftpflichtprämie Jahn-Zöhrens ab. „Ich habe in meinen besten Jahren 14 Geburten im Jahr begleitet - zu wenig, um die gestiegenen Prämien finanziell auszugleichen“, erklärt sie.

Anstieg der Haftpflichtprämien führte zu Resignation

Der immense Anstieg der Haftpflichtprämien hat nach ihrer Ansicht viele freiberufliche Hebammen resignieren lassen. Doch auch der wachsende bürokratische Aufwand trage seinen Teil dazu bei. Die Dokumentationen für Wochenbett-Betreuung und Schwangerschaftsbegleitung werden immer umfangreicher und belasten vor allem freiberufliche Hebammen in den Anfangsjahren. „Die Belastungen stehen in keinem Verhältnis zu dem wirtschaftlichen Ertrag, der dabei herauskommt“, sagt die Hebamme. Hinzu komme die geringe Wertschätzung, die dem Beruf der Hebammen entgegengebracht werde - sowohl von Ärzten als auch von der breiten Öffentlichkeit. Sie mahnt: „Wir müssen uns nicht wundern, wenn wir immer mehr junge Kolleginnen verlieren!“

Betreuung von 80 bis 90 Familien pro Jahr

Im Schnitt betreut Ursula Jahn-Zöhrens jährlich zwischen 80 und 90 Familien. Die Betreuung ist teilweise so intensiv, dass sie für eine Weile fast zum Familienmitglied wird und dass daraus auch Freundschaften entstanden. „Aber man muss aufpassen, dass man sich nicht zu sehr einlässt und bei jedem Ehekrach Stellung beziehen soll“, sagt sie.

Den medizinischen Aspekt der Hebammenarbeit bewusster machen

Für die Zukunft wünscht sich die freiberufliche Hebamme eine andere Form der Bürokratie. Sie würde gerne nicht jeden Handgriff quittieren müssen. Außerdem hätte sie gerne ein vereinfachtes Online-Abrechnungssystem mit den Krankenkassen, das ihre tägliche Arbeit erleichtern würde. „Es wird in der Bürokratie leider aufgesattelt statt abgesattelt“, klagt sie. Für ihre tägliche Praxis könnte sie sich zwei bis drei weitere Kolleginnen in ihrer Region vorstellen.

Ihr Herzenswunsch ist es, den medizinischen Aspekt ihrer Tätigkeit der Öffentlichkeit bewusster zu machen, welche medizinischen Kompetenzen zu ihrem Beruf gehören. „Viele Familien wissen überhaupt nicht, wie hoch unsere medizinischen Fachkenntnisse sind, und dass Hebammen zum Beispiel Schwangerschaftsvorsorge vornehmen können.“

Den medizinischen Aspekt der Hebammenarbeit bewusster machen

Für die Zukunft wünscht sich die freiberufliche Hebamme eine andere Form der Bürokratie. Sie würde gerne nicht jeden Handgriff quittieren müssen. Außerdem hätte sie gerne ein vereinfachtes Online-Abrechnungssystem mit den Krankenkassen, das ihre tägliche Arbeit erleichtern würde. „Es wird in der Bürokratie leider aufgesattelt statt abgesattelt“, klagt sie. Für ihre tägliche Praxis könnte sie sich zwei bis drei weitere Kolleginnen in ihrer Region vorstellen.

Ihr Herzenswunsch ist es, den medizinischen Aspekt ihrer Tätigkeit der Öffentlichkeit bewusster zu machen, welche medizinischen Kompetenzen zu ihrem Beruf gehören. „Viele Familien wissen überhaupt nicht, wie hoch unsere medizinischen Fachkenntnisse sind, und dass Hebammen zum Beispiel Schwangerschaftsvorsorge vornehmen können.“

Freiberuflichen Aspekt in der Ausbildung stärken!

Für die künftige Ausbildung von Hebammen würde sich Ursula Jahn-Zöhrens einen stärkeren Fokus auf das freiberufliche Arbeiten wünschen. „Derzeit sind dafür vier Wochen vorgesehen - zu wenig, um auf die häufigste Form der Berufstätigkeit vorzubereiten“, bedauert sie. Schließlich arbeiten 75 bis 80 Prozent aller Hebammen (auch) freiberuflich. Zwölf Wochen wären Jahn-Zöhrens zufolge besser, einige Schulen böten dies bereits an – sie seien aber noch klar in der Minderheit.

Immer noch spannend!

Für Ursula Jahn-Zöhrens ist der Hebammenberuf auch nach 30 Jahren noch spannend: „Es kommt immer wieder etwas Neues“, erzählt sie strahlend. „Kein Geburtsvorbereitungskurs, keine Betreuung gleicht der anderen - jede Gruppe, jede Familie ist einzigartig.“

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