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Gesundheits- und Krankenpfleger Max Zilezinski: Pflege auf der Intensivstation

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am 27.06.2017

Ein professionell Pflegender erzählt von seinem Alltag auf der Intensivstation, von Schichtdienst und Personalmangel. Er plant, später in die Pflegeforschung zu gehen – und dazu beizutragen, die Arbeitsbedingungen in der Pflege zu verbessern und die Wissenschaft weiter an das Bett der Patienten zu bringen.

Die jungen Patienten sind es, die Max Vincent Zilezinski besonders in Erinnerung bleiben. Eine Frau sollte nach einigen Tagen im künstlichen Koma schnell wieder auf den Beinen sein. Am Ende blieb sie mehrere Monate in der Klinik. „Sie hat gekämpft und gekämpft und gekämpft. Sie war nur noch Patientin, nicht mehr Frau, Freundin und Tochter“, erzählt der Pflegende. „Das macht etwas mit einem.“

Mit den Schicksalen, die ihm Tag für Tag im Krankenhaus begegnen, muss auch Zilezinski umgehen. „Viele Kollegen sind nach 25 Jahren ziemlich abgestumpft, was man ihnen kaum übel nehmen kann“, sagt er. Er glaubt, dass es den Pflegenden vor allem helfen würde, über ihre Erfahrungen sprechen zu können. Sein Vorschlag: Arbeitgeber könnten Supervisionen und Psychotherapien anbieten, in denen professionell Pflegende ihre Erlebnisse verarbeiten könnten.

Später Medizin studieren? Lieber nicht

Max Zilezinski sprudelt nur so von Ideen wie dieser. Ihm liegt es am Herzen, die Arbeitsbedingungen in seiner Branche zu verbessern, unter anderem engagiert er sich auch in der deutschlandweiten Arbeitsgruppe JungePflege. Dabei hatte er anfangs noch einen anderen Karriereweg im Sinn. Sein Plan war, Medizin zu studieren. Er hatte aber nicht die erforderliche Abitur-Note, um direkt einen Studienplatz zu erhalten. Also wollte er Wartesemester mit einer Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger überbrücken, die er 2011 bei einem Klinikkonzern in Berlin begann.

Spätestens im zweiten Ausbildungsjahr kam Zilezinski aber von seinem Plan ab. „Die Medizinstudenten um mich herum lernten auswendig, bekamen viel Theorie und wenig Praxis mit und waren dann während ihres ersten Nachtdienstes in der Klinik gnadenlos überfordert“, sagt er. „Das war einfach nicht meine Welt.“ Mittlerweile hatte er auch seine Leidenschaft für die Pflege entdeckt und wollte in dem Beruf bleiben.

Lieber intensiv pflegen

Als Zilezinski 2014 sein Examen machte, hatte er seine nächste Station schon im Auge: die Intensivstation. Auf Normalstationen hätte der junge Pflegende im Nachtdienst alleine für bis zu 45 Patienten zuständig sein müssen. Auf Intensivstationen benötigen die Patienten zwar eine engere Betreuung, dafür sind jedem Pflegenden höchstens drei von ihnen zugeordnet. Das lag Zilezinski mehr. Der junge Gesundheits- und Krankenpfleger absolvierte noch ein Trainee-Programm an der Berliner Charité und arbeitet seit Dezember 2015 auf der Intensivstation einer Berliner Klinik.

Alltag auf der Intensivstation

Dort herrscht der übliche Klinikalltag für Pflegende. Drei verschiedene Schichten wechseln sich ab, Früh-, Spät- und Nachtdienst. Ein typischer Arbeitstag: Frühschicht. Es ist 4:45 Uhr der Wecker klingelt.  Zilezinski steht auf, geht ins Bad, macht sich fertig. Um 5:30 Uhr verlässt er das Haus, Bus und Bahn bringen ihn durch den Berliner Großstadtdschungel. Gegen 6:00 Uhr kommt er in der Klinik an. Alle Kollegen, die vor Ort sind, treffen sich zu einer Übergabe. Die Pflegenden der vorherigen Schicht berichten dabei, was in den letzten acht Stunden passiert ist.

Der Tag beginnt für die häufig schwer kranken oder verletzten Patienten auf der Intensivstation meistens mit Untersuchungen. Für Zilezinski bedeutet das, dass er sich an den „Check-up“ macht. Er stattet seinen Patienten eine kurze Visite ab, führt die ersten Blutabnahmen durch, bereitet Medikamente vor.

Patienten waschen, ernähren, mobilisieren

Nach der Visite der Ärzte beginnt das eigentliche pflegerische Tagewerk: Zilezinski hilft bei der Körperpflege, reicht Nahrung an, begleitet Patienten dabei, sich von Beatmungsgeräten zu entwöhnen. Ein wichtiger Teil seiner Arbeit ist auch die sogenannte Mobilisation. Dabei unterstützen die Pflegenden Patienten dabei, wieder auf die Beine zu kommen, nachdem sie zum Beispiel mehrere Tage im Koma gelegen haben. „Wir positionieren sie in einen Mobilisationsstuhl und lassen sie ihr Körpergefühl wieder spüren. Sie sollen eine andere Perspektive bekommen als nur die Krankenhausdecke“, erklärt Zilezinski.

Andere Schichten, andere Aufgaben

In den verschiedenen Schichten liegt der Schwerpunkt der Pflege jeweils auf anderen Tätigkeiten. Morgens ersetzt die Krankenhaus-Routine vor allem die täglichen Rituale der Patienten.

Im Spätdienst ist die Therapie im Fokus, also etwa die Mobilisation und die Entwöhnung von Beatmungsgeräten. Dazu kommt das, was Zilezinski „Angehörigenpflege“ nennt. Um 15:00 Uhr klingelt es an der Tür, die Freunde und Verwandten der Patienten kommen zu Besuch und die Pflegenden werden ein stückweit auch zu deren Seelsorgern.

Während des Nachtdienstes gilt es vor allem, für Ruhe zu sorgen. Die Instrumente auf der Intensivstation piepen und leuchten unablässig, es ist nie still und nie richtig dunkel. „Wenn wir Patienten haben, die im Delirium sind, haben wir außerdem schon die acht Stunden damit zu tun, dass sie sich nicht im Schlaf zum Beispiel ein Kabel herausreißen“, berichtet Zilezinski.

Pflegende dürfen Kompetenzen oft nicht selbstständig einsetzen

Gerade auf der Intensivstation muss es bei all dem oft schnell gehen. „Wir Pflegenden sind immer die ersten, die am Bett sind, die ersten, die etwas bemerken und dann auch die ersten, die reagieren könnten“, so Zilezinski.

Sie müssen aber oft erst eine Anordnung eines Arztes abwarten, bevor sie Schritte in der Therapie einleiten. „Unsere Ausbildung haben wir diverse Kompetenzen im Bereich der Therapie von Patienten erworben“, so Zilezinski. Oft seien den Pflegenden aber die Hände gebunden, aufgrund der rechtlichen Grundlagen. „Schuld daran sind auch die veralteten Vorstellungen der Mediziner. Die junge Generation der Ärzte denkt aber anders und kann für die Pflege eine echte Hilfe werden.“

Schichtdienst: Keine Zeit für Freunde und Work-life-balance

In der Realität treffen die Bedürfnisse der Patienten nicht nur auf wenig praktikable Regelungen, sondern auch auf begrenzte Zeit. „Ich muss Prioritäten setzen: Nicht jeder Patient bekommt die gleiche, volle Versorgung – sondern die, die er gerade unbedingt braucht“, so Zilezinski. Außerdem kommt nie alles so, wie das Team es sich morgens ausgemalt hat – egal, wie gut der Tag geplant ist. Selbst in der halben Stunde Pause ist der Pflegende also immer auf dem Sprung und mit dem Kopf im Krankenzimmer – er ist immer „on fire“, wie er es nennt.

Außerdem gehen die Schichten oft so ineinander über, dass die Pflegekräfte sich kaum erholen können. „Ich habe schon Wochen gehabt, in denen ich nach drei Nachtschichten einen Ausschlaftag hatte und danach direkt mit dem Frühdienst weitermachen musste“, erzählt Zilezinski. „In so einer Woche ist dann natürlich nichts mit Freunde treffen und Work-life-balance.“ Im ersten Jahr sammelte Zilezinski mehr als 100 Überstunden. Auch das sei normal, meint er.

Personalmangel erschwert die Arbeit der Pflegenden

Schuld sei vor allem der Personalmangel in der Pflege. Es ist ein Teufelskreis: Wenig Personal bedeutet mehr Stress und schlechtere Arbeitsbedingungen. Das macht den Beruf für junge Menschen weniger attraktiv, weswegen es immer weniger Nachwuchs gibt. Zilezinski zufolge trägt dazu auch die verzerrte Wahrnehmung des Jobs in der Gesellschaft bei. Viele sehen die Pflegenden im Krankenhaus als „Schüsselkellner“. Eigentlich seien sie aber eher Manager, die die Abläufe auf der Station koordinieren und dafür sorgten, dass der Laden läuft.

Generell fließe zu wenig Wertschätzung und auch Geld in die Pflege. Das schlage sich nicht zuletzt in der unzureichenden Bezahlung der Pflegenden nieder. „Jemand, der bei Mercedes Benz am Fließband seine drei Schichten macht, verdient mehr Geld, als wir – und wir arbeiten am Menschen“, so der Pfleger. Ihm zufolge steckt dahinter eine gesellschaftliche Frage: „Ist die E-Klasse mehr wert als der Mensch, sind uns Autos wichtiger als die Versorgung unserer Großeltern?“

Studieren und forschen für die Pflege

Auch um zu dieser gesellschaftlichen Debatte beizutragen, will Max Zilezinski später einmal in der Pflegeforschung tätig sein. Er studiert seit 2015 neben dem Beruf Pflegewissenschaften. Seit März 2017 arbeitet er nur noch in Teilzeit, um sich noch mehr darauf zu konzentrieren. Er plant, einen Master-Abschluss anzuschließen, irgendwann einen Doktor zu machen und in der klinischen Pflegeforschung tätig zu werden. In Deutschland stecken die Pflegewissenschaft derzeit noch in den Kinderschuhen. Andere Länder, wie die Schweiz, die Niederlande und die USA, sind da weiter und bieten gleichzeitig bessere Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte. „Wenn wir Praxis und Theorie mehr verknüpfen, können wir auch bei uns die Versorgung der Patienten verbessern und der Gesellschaft zeigen, wie wichtig die Pflege ist“, sagt Zilezinski.

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