Gesundheits- und Krankenpfleger/in

Kompetenzen und Hürden in der Krankenpflege

Alle für Gesundheit Krankenpflege

am 27.06.2017

Krankenschwestern und Krankenpfleger lernen viel – und dürfen kaum etwas davon umsetzen, ohne dass ein Arzt es delegiert. Geht es nach Andreas Westerfellhaus, dem Präsidenten des Deutschen Pflegerats, muss sich das ändern. Im Gespräch erklärt er, wie die Gesellschaft seines Erachtens von selbstständigeren Pflegenden profitieren würde.

Alle für Gesundheit: Wann dürfen Krankenpflegende am Patienten tätig werden?

Andreas Westerfellhaus: Es gibt Kataloge, die aufführen, was eine Pflegende nach ihrer Ausbildung können soll: Prävention, Rehabilitation, Maßnahmen am Patienten, Notfallversorgung, Früherkennung, Prophylaxe, Mithilfe bei bestimmten Tätigkeiten. In all diesen Bereichen bringen Pflegende fachliche Kompetenzen mit, außerdem entwickeln sie wichtige Sozial- und Kommunikationskompetenzen. Das Berufsgesetz besagt aber nicht, dass sie diese Fähigkeiten anschließend auch einsetzen dürfen. Das ist an sich schon paradox.

Wir haben in der Berufsgruppe leider keine vorbehaltenen Tätigkeiten ausgewiesenen im Berufsrecht. Nur die Berufsbezeichnung selbst ist geschützt. Das führt dazu, dass eine Krankenschwester rechtlich nur tätig werden darf, wenn eine Ärztin sie dazu anweist.

Alle für Gesundheit: Was bedeutet das konkret: vorbehaltene Tätigkeiten?

Andreas Westerfellhaus: Damit wäre festgeschrieben: Eine Pflegerin hat diese und jene Qualifikation, also darf sie dieses und jenes tun. Das wären zum Beispiel Aufgaben, die eine Krankenschwester nach dreijähriger Ausbildung auf einer Intensivstation selbstständig durchführen dürfte. Auf der ganzen Welt gibt es diese vorbehaltenen Tätigkeiten, zum Beispiel in Österreich. Deutschland nimmt hier eine nicht nachvollziehbare Sonderrolle ein.

Der Gemeinsame Bundesausschuss hat vor einigen Jahren eine Richtlinie verabschiedet zur „selbstständigen Ausübung der Heilkunde“. Kranken- und Altenpflegende sollten demnach zum Beispiel die Versorgung von chronischen Wunden übernehmen dürfen: von der Diagnostik über therapeutische Entscheidungen bis hin zur Verwaltung der Budgets. Das ist der richtige Weg, aber er wird von vielen Seiten torpediert. Leider scheinen Vertreter der Ärzte darin einen Eingriff in ihre hoheitlichen Aufgaben zu sehen.

Alle für Gesundheit: Pflegerinnen müssen vor jeder neuen Aufgabe eine Ärztin fragen – lässt sich das im Alltag überhaupt umsetzen?

Andreas Westerfellhaus: Streng genommen darf eine Gesundheits- und Krankenpflegerin nur das ausführen, was der Arzt ganz konkret anordnet – die Realität sieht aber natürlich oft anders aus. Die Pflegerin im Krankenhaus wird morgens ihre Patienten in Augenschein nehmen und eigenständige Entscheidungen treffen, etwa was Beobachtung, Flüssigkeitsversorgung und Körperpflege angeht. Wenn neue Prozesse eingeleitet werden, muss sie aber immer auf die Delegation eines Arztes warten – die dann auch nicht immer optimal ist.

Alle für Gesundheit: Was bedeutet das für die Versorgung von Patienten?

Andreas Westerfellhaus: Das System kann aufgrund dieses Verfahren weniger Leistungen durchführen, sie verzögern sich und auch die Qualität leidet. In Krankenhäusern entstehen etwa unnötige Wartezeiten – Schritte, die Pflegende selbst durchführen könnten, wären dann oft viel schneller erledigt.

Im ambulanten Bereich ist es noch problematischer. Ist eine Krankenschwester zum Hausbesuch bei einem Patienten und entdeckt eine chronische Wunde, könnte sie, wenn sie entsprechend qualifiziert ist, sofort entscheiden, was zu tun ist. Das kann sie häufig sogar sehr viel besser und effizienter als ein Arzt. Derzeit muss aber erst der Arzt dazukommen und eine Entscheidung treffen.

In ländlichen Regionen ist häufig nur noch die Gemeindekrankschwester vor Ort und überhaupt kein Arzt mehr. Da stellt sich dann die Frage der Versorgungssicherheit: Wie wollen wir mit immer weniger Ärzten und Pflegenden immer mehr Leistungen erbringen? Wir brauchen ganz neue Arbeitsprozesse, die dann auch berufsrechtlich abgesichert sind. Derzeit können unsere hoch qualifizierten Auszubildenden und Studierenden ihre Kompetenzen nur begrenzt einsetzen. Das kann sich das Gesundheitssystem auf Dauer nicht leisten.

Alle für Gesundheit: Wie ließe sich die Situation Ihres Erachtens verbessern?

Wir können diese Missstände mit zwei Schlüsseln angehen. Zum einen könnte eine Bundespflegekammer die Pflege in eine Machtposition bringen, in der sie auf Augenhöhe mit Politik und Gesundheitswesen interagiert. Der zweite Schlüssel liegt in einem Berufsgesetz, das vorbehaltene Tätigkeiten festlegt. Es kann Pflegenden dazu verhelfen, dass sie selbstständiger handeln können und dafür auch entsprechend bezahlt werden.

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