Gesundheits- und Krankenpfleger/in

Multitasking zwischen Darmspiegelung und Entlassungsmanagement

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am 11.07.2017

Ein Pflegender gibt Einblicke in seine Arbeit auf einer Station für Gastroenteorologie und Isolation. Er erzählt von zu wenig Zeit und Personal – aber auch davon, wie ihn der Zusammenhalt unter den Kollegen im Beruf hält.

Johannes Grimms erster Einsatz als Pflegender führte den damals 15-jährigen Auszubildenden in ein Altenheim. Von der Schule kam er mit einem Schlag ein eine ihm völlige fremde Welt voller alter, pflegebedürftiger Menschen. „Das war sehr schwierig für mich“, sagt Grimm heute, „aber es hat auch Freude gemacht, weil wir ein gutes Team waren, viel Spaß hatten und viel miteinander sprechen konnten.“

An den Job war Johannes Grimm über das Arbeitsamt gekommen, wo er sich nach der Schule beraten ließ. Der Eignungstest sagte voraus, dass ihm der soziale Bereich liegen würde. „Da ich nur den Qualifizierter Hauptschulabschluss hatte, habe ich dann erst einmal Sozialpflege gelernt, das ist der Helferberuf in der Pflege“, berichtet er. Die Ausbildung ging über zwei Jahre – und gefiel Grimm von Anfang an.

Medizinbücher führen Grimm zur Gesundheits- und Krankenpflege

Mit der Ausbildung erlangte der Nachwuchs-Pfleger dann noch seine mittlere Reife. Das ermöglichte ihm, anschließend Heilerziehungspflege zu lernen – ein Pfad in der Pflege, in dem es vor allem um den Umgang mit behinderten Menschen geht. „Ich hatte während der Zeit eine Medizinlehrerin, die mich immer sehr gefördert hat“, so Grimm. „Sie hat mir Bücher aus dem Medizinstudium mitgegeben, in die ich mich dann zuhause hineingelesen habe.“ Der junge Pfleger beschloss, noch anschließend Gesundheits- und Krankenpflege zu lernen. „Für mich lag das am nächsten. Medizin konnte ich ja ohne Abitur nicht studieren“, erinnert sich Grimm.

Heute ist Johannes Grimm 28 Jahre alt und als Gesundheits- und Krankenpfleger im Klinikum Rosenheim tätig, auf einer Station mit Schwerpunkt Gastroenteorologie und Isolation. Ärzte und Pflegekräfte der Gastroenteorologie sind darauf spezialisiert, Krankheiten im Magen-Darm-Trakt und anderer Organe wie Leber und Bauchspeicheldrüse zu behandeln. Isolation bedeutet, dass hier Patienten liegen, die gefährliche Infektionskrankheiten oder resistente Keime in sich tragen oder die vor Erregern geschützt werden müssen. Auf dieser Station behandeln Ärzte und Pflegekräfte zum Beispiel Patienten mit akuten Durchfallerkrankungen und mit einem schwachen Immunsystem.

Wie der Arbeitstag abläuft, hängt von der Schicht ab

Grimm und seine Kolleginnen und Kollegen arbeiten im Schichtbetrieb. Meist hat der Pflegende erst Frühdienst, dann Spätdienst und anschließend eine oder zwei Nachtschichten. In der Frühschicht weckt Grimm Patienten und misst zunächst wichtige Vitalzeichen, wie Blutdruck, Temperatur und Blutzucker. Dann bereitet er in der Regel die ersten Untersuchungen des Tages vor und verabreicht den Patienten ihre Medikamente. „Wir hängen zum Beispiel Infusionen an und geben Antibiotika“, berichtet Grimm. „Patienten, die wegen Durchfällen viel Wasser verlieren, führen wir Flüssigkeit zu.“

Frühschicht: Messungen, Visiten, Gespräche

Darauf folgt die morgendliche Visite. Die Pfleger begleiten die Ärzte und stehen für Gespräche mit Angehörigen bereit. „Oft wollen Vertreter der anderen Disziplinen der Klinik noch etwas über die Patienten wissen, zum Beispiel die Physiotherapeuten“, berichtet Grimm. Danach geht es an die Betreuung der Patienten: Grimm mobilisiert bettlägerige Patienten und bringt sie dabei in eine Position, in der sie essen können. Er erneuert Verbände, nimmt Urin- und Stuhlproben für das Labor ab, fährt narkotisierte Patienten mit dem Krankenhausbett zu ihren Untersuchungen. Nebenbei leiten die Pflegenden die Auszubildenden an.

Spätschicht: Kontrollen und Entlassungen

In der Spätschicht kontrolliert Grimm häufig zunächst Dinge, die den Kollegen in der Frühschicht aufgefallen sind: War der Blutzucker hoch? Dann misst er die Werte nochmal und spitzt in Absprache mit den Ärzten im Zweifelsfall Insulin. Untersuchungen, die am Folgetag stattfinden, bereiten die Pflegenden jetzt bereits vor – in der Gastroenteorologie ist das oft für Darmspiegelungen nötig. Am Vortag dieser Untersuchung müssen die Patienten unter Anleitung der Pflegekräfte abführen – also ihren Darm mit kontrolliertem Durchfall entleeren.

Ein wichtiges Thema am Nachmittag ist auch das Entlassungsmanagement. „Vormittags, wenn die meisten Ärzte noch da sind, führen sie noch einmal Diagnostik durch, nachmittags können die Patienten dann entlassen werden“, erklärt Grimm. Er hilft den Patienten dann, alles Wichtige zu klären: Wohin werden sie entlassen und was brauchen sie anschließend an Hilfsmitteln, Betreuung und Ansprechpartnern?

Nachtdienst: Vorbereiten und für Ruhe sorgen

Der Nachtdienst dreht sich in erster Linie um die Vorbereitung des kommenden Tages: Tabletten werden kontrolliert, Blutzuckerzettel geschrieben, die Materialien für Infusionen bereitgelegt– so kann der Frühdienst direkt mit seiner Arbeit beginnen. „Natürlich ist auch nachts die Versorgung der Patienten wichtig“, so Grimm. Die Pflegenden müssen stets bereit sein, falls Patienten etwas benötigen, es ihnen schlecht geht oder sie von Zimmernachbarn wachgehalten werden.

Zu viele Aufgaben, zu wenige Pflegekräfte

Verschiedene Schichten, Administration, Pflege und ganz viel Kommunikation – die Aufgaben der Pflegenden sind vielfältig, Grimm zufolge verdichten sie sich auch immer mehr. „Es ist extrem, was wir alles nebenbei machen müssen“, klagt er. Auf der Strecke bliebe oft die Kommunikation mit den Patienten, ihre Wünsche und Bedürfnisse zu erfahren, die Körperpflege so gründlich durchzuführen, wie die Pflegenden es gelernt haben.

Das liege vor allem an der ständigen Unterbesetzung und dem leergefischten Arbeitsmarkt. „Mittlerweile zahlen Kliniken Prämien und Kopfgelder für neue Mitarbeiter und die, die sie anwerben“, berichtet Grimm. Zudem würden die Verweildauern der Patienten immer kürzer. Für die Pflegenden bedeutet das eine höhere Arbeitsintensität. „Uns bleibt weniger Zeit für die menschlichen Aspekte, für längere Gespräche mit den Angehörigen und Patienten“, sagt er.

Wenig Zeit bleibt dementsprechend auch dafür, mit schwierigen Situationen umzugehen – zum Beispiel mit Patienten, die im Sterben liegen. „Immer häufiger lautet die Einweisungsdiagnose heute: sterbend“, so Grimm. Der Pflegende erlebt nicht selten, dass Patienten sagen: „Helfen’s mir doch, geben‘s mir die Spritze.“ Aktive Sterbehilfe leisten die Pflegekräfte aber natürlich schon deswegen nicht, weil es strafbar ist, ganz zu schweigen von den ethischen Fragen, die daran hängen.

Personalmangel und Hierarchie erschweren die Kommunikation

Mit Gedanken an solche Schicksale im Hinterkopf muss Grimm Multitasking betreiben – kein Wunder, dass dabei gelegentlich die Kommunikation auf der Strecke bleibt, vor allem die mit den Ärzten. „Wenn ich mit einem Arzt auf Visite gehe, betreue ich im Spätdienst trotzdem 18 Patienten. Klingelt einer von ihnen, muss ich sehen, was los ist“, sagt Grimm. „Der Arzt muss natürlich weiter seine Visite durchführen und bespricht Therapie und Untersuchungen mit den Patienten.“ Das Problem: Oft erfährt der Pflegende dann nicht unmittelbar, was besprochen wurde.

Viele Kommunikationsprobleme ließen sich auf den Mangel an Pflegekräften zurückführen. Es bräuchte, so Grimm, mehr Personal, damit sich die einen auf die Visite konzentrieren und andere wirklich in Bereitschaft für die Patienten sein können.

Problematisch gestaltet sich Grimm zufolge auch die Kommunikation zwischen der Klinikleitung und den einzelnen Mitarbeitern. Oft bekämen die Pflegenden die – negativen wie positiven – Auswirkungen von Entscheidungen zu spüren, ohne selbst in den Entscheidungsprozess einbezogen zu werden. Der Pfleger wünscht sich eine flachere Hierarchie, in der die Mitarbeiter bei häufiger miteinbezogen werden.

Zusammenhalt unter Kollegen hält die Pflege zusammen

Johannes Grimm sieht also viele Baustellen und Probleme in der Pflege. Was ihn trotzdem ihn seinem Beruf hält? Das, was ihn schon als 15-Jährigen begeistert hat: das gemeinsame Arbeiten – und auch manchmal das gemeinsame Leiden – das ihn und seine Kollegen verbindet. „Ohne diesen Zusammenhalt“, so Grimm, „würden wir das heute gar nicht mehr schaffen.“

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