Logopäde/Logopädin

Logopäden unter Zeitdruck: Menschen sind keine Roboter, die auf Knopfdruck funktionieren.

Logopädie Alle für Gesundheit

von Kea Antes
am 05.02.2019

Ruth Bitzer, 41 Jahre, würde ihren Mitarbeiterinnen gerne mehr Gehalt zahlen. Doch es geht nicht – und dass, obwohl der Terminkalender der Logopädiepraxis voll ist. „Die Vergütungssätze sind unverhältnismäßig niedrig, für viele Orga-Leistungen bekommen wir zudem kein Geld“, sagt Frau Bitzer. Hinzu komme der oft unnötig hohe Bürokratieaufwand. Dennoch sind sie und ihre Mitarbeiterinnen mit Herz und Seele Logopädinnen. Denn Tag für Tag verbessern sie die Lebensqualität ihrer Patienten – der Stellenwert ihrer Arbeit ist hoch.

Es ist 1998. Was in anderen Ländern selbstverständlich ist, gehört in Deutschland noch zur absoluten Ausnahme: Universitäten und Hochschulen, die ein Logopädiestudium anbieten. Frau Bitzer wollte damals dennoch den Weg eines Studiums einschlagen. Und so entschied sie sich, dafür in die Niederlande zu gehen. Nach ihrem Bachelorabschluss kehrte sie nach Deutschland zurück und arbeitete erst als angestellte Therapeutin in einer Praxis, danach in einer Klinik. 2006 folgte dann der Master in Aachen im Bereich der Lehr- und Forschungslogopädie.

Danach stand sie vor einem Scheideweg: In der Forschung bleiben oder zurück in die Praxis gehen? Sie entschied sich für die Praxis, dem Kontakt zu den Menschen und der therapeutischen Arbeit wegen, und machte sich selbstständig. Mittlerweile hat Ruth Bitzer vier Mitarbeiterinnen in ihrer Logopädiepraxis in Köln. Alle Therapeutinnen haben einen anderen Schwerpunkt, der von Frau Bitzer liegt auf der Neurologie. Sie therapiert vor allen Dingen Menschen nach einem Schlaganfall und jene, die an Parkinson und ALS erkrankt sind.

45-Minuten Orga-Zeit: Luxus in der Branche

Frau Bitzers Tage sind gesplittet in Therapieeinheiten und Organisationsaufgaben. Wenn sie morgens in die Praxis kommt, bereitet sie Tee und Kaffee für die Patienten vor, fährt die PCs hoch und verschafft sich einen Überblick über die anstehenden Therapietermine. Sie hört den Anrufbeantworter ab, macht Notizen für Kolleginnen und erledigt Anrufe. „Dann kommen meist auch schon die ersten Patienten“, so Bitzer. „In der Regel therapiere ich vier bis fünf Patienten hintereinander, es können auch schon mal Hausbesuche dazwischen sein.“ Der Nachmittag sieht ganz ähnlich aus – ergänzt durch Organisationaufgaben.

Um den Mitarbeiterinnen wenigstens etwas mehr Zeit für die Orga einzuräumen, hat Frau Bitzer eine feste Zeit von 45 Minuten eingeführt, in denen sie in Ruhe ein Bericht schreiben oder telefonieren können. „Als Praxisinhaberin reicht die Zeit aber natürlich vorne und hinten nicht aus, ich nehme die Arbeit dann oft auch mit nach Hause.“

Die Arbeit ist kognitiv sehr fordernd

In der Regel dauert eine Therapiesitzung 45 Minuten. „Diese Länge ist sowohl für uns als Therapeuten als auch für die Patienten eigentlich genau richtig“, so Bitzer. „Viele unserer Patienten müssen erst einmal ankommen, ich kann nicht direkt mit der Therapie loslegen, so wie beispielweise eine Physiotherapeutin, die manuell behandelt.“ Je nach Tagesverfassung brauchen Patienten eine gewisse Zeit, um sich auf die Therapie einzustellen. „Menschen sind keine Roboter, die auf Knopfdruck funktionieren“, ergänzt sie. Mit Kindern etwa, die schlecht drauf sind und weinen, könne sie natürlich auch nicht direkt mit den Übungen beginnen. Oft muss die Logopädin zudem erst einmal Aufgaben instruieren und sich rückversichern, dass die Patienten sie auch verstanden haben. All das koste Zeit. 

„Nicht nur für die Patienten ist die Therapie kognitiv anstrengend, auch für uns Therapeuten“, sagt die Logopädin. „Ich schenke den Patienten während der Zeit meine volle Aufmerksamkeit. Es ist meine Verantwortung zu erkennen, wenn sie mit einer Aufgabe nicht zurechtkommen.“ Ist das der Fall, müsse sie spontan und flexibel genug sein, um sich schnell eine neue Übung zu überlegen.

Patienten zu helfen ist jede Mühe wert

Die Dankbarkeit, die Patienten Frau Bitzer entgegenbringen, ist das, was sie Tag für Tag antreibt, alles zu geben. „Wir hatten beispielsweise einen relativ jungen Schlaganfallpatienten, so Mitte 40. Bei ihm war das Sprachverständnis noch gut erhalten, aber er hat aufgrund einer Apraxie kein Wort herausbekommen. Er war für die Außenwelt stumm, wollte uns aber ganz viel mitteilen. Das ist natürlich furchtbar quälend für den Patienten, wenn er kognitiv gut beieinander ist, sich verbal aber nicht äußern kann“, so Bitzer. „Mit ihm haben wir ein spezielles Therapiekonzept ausgewählt. Mit der Zeit kam er so tatsächlich wieder ins Sprechen. Das ist sehr berührend.“ Auch wenn sie es schafft, Patienten von der künstlichen Ernährung wegzubekommen, sei das ein unbeschreiblich schönes Gefühl. 

Der Alltag einer Logopädin besteht aber natürlich nicht nur aus Erfolgsgeschichten und der Umgang mit den Patienten kann auch sehr emotional sein. „Das ist beispielsweise der Fall, wenn Frühchen sehr lange in Therapie sind und man merkt, wie belastend das für die gesamte Familie ist.“ Sie und ihre Kolleginnen seien sehr nah dran an den Patienten, diese persönliche Bindung fließe mit in die Arbeit ein.

Die Vergütungssätze müssen angepasst werden

Ein Patient nach dem anderen und trotzdem kann Frau Bitzer ihren Angestellten kein tolles Gehalt zahlen. „Die Vergütungssätze sind einfach nicht angemessen, was dazu führt, dass wir eine bestimmte Masse an Patienten behandeln müssen, um über die Runden zu kommen“, so die Logopädin. Zeitnot ist da oft vorprogrammiert. Und das wiederum führe dazu, dass sie nicht immer so therapieren kann, wie sie das gerne möchte. „Erschwerend kommt hinzu, dass Orga-Leistungen wie Berichte und Therapiekonzepte schreiben nicht extra vergütet werden“, ergänzt die Logopädin. „Wir machen das quasi umsonst, oft häufen sich dafür Überstunden auf, die dafür eingeplante Orga-Zeit reicht meist nicht aus.“ Wenn die Rahmenbedingungen eines Berufs so ungünstig seien, müsse man sich nicht wundern, dass Deutschland die Logopäden ausgehen.

Ein Direktzugang würde vieles erleichtern

Ein weiterer Punkt, der die Arbeit laut Bitzer unnötig erschwert, ist der hohe Bürokratieaufwand, insbesondere im Zusammenhang mit den Rezepten. „Das beginnt schon damit, dass der Arzt die Verordnung ausstellt, für einen Bereich, in dem er eigentlich nicht ausgebildet ist.“ Das führe nicht selten dazu, dass abenteuerliche Sachen auf dem Rezept stehen. Frau Bitzer muss die Korrekturen dann zurückfaxen und auf das geänderte Rezept warten. Manchmal komme es auch vor, dass Krankenkassen Leistungen nicht bezahlen, obwohl sie diese erbracht habe, nur weil auf einem Rezept ein Kreuz fehle. Natürlich verstehe sie, dass es irgendwo eine Begrenzung geben muss. Manchmal habe sie aber das Gefühl, dass Entscheidungen sehr willkürlich getroffen werden. „Das ist sehr mühselig“, ergänzt die Logopädin.

„Es könnte für alle so viel einfacher sein, wenn die Patienten direkt zu uns kommen dürften, wir also einen Direktzugang hätten.“ Das würde alle Beteiligten entlasten: Die Patienten, die Ärzte, die Kassen und die Therapeuten. „Wir sind von den Heilmittelerbringern die einzigen, die nach einer eigenständigen Diagnostik die Behandlungsmethoden individuell für jeden Patienten festlegen“, sagt Bitzer. „In diesem Punkt sind wir schon recht nah dran an den Psychotherapeuten und Ärzten.“ Dennoch passiere seitens der Politik in die Richtung sehr wenig, ein Direktzugang sei anscheinend einfach noch nicht gewollt. 

von: Kea Antes

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