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Fachkräftemangel in der Logopädie

Logopädie Alle für Gesundheit

von Kea Antes
am 05.02.2019

Wenn die Politik nicht handelt, ist die Patientenversorgung stark gefährdet

Logopäden helfen Patienten, nach einem schweren Schlaganfall wieder Sprechen zu lernen, unterstützen Kinder, Sprachstörungen zu überwinden und begleiten Menschen mit Schluckstörungen auf dem Weg, die künstliche Ernährung hinter sich zu lassen. Sie sind gefragte Experten und dennoch hat der Berufszweig mit Fachkräftemangel zu kämpfen. Wir haben mit Dagmar Karrasch, Präsidentin des Deutschen Bundesverbands für Logopädie e.V. über die Zukunft des Berufs gesprochen. „Die Lage ist prekär, die schlechte Vergütung ist ein Grund für den Nachwuchsmangel – aber nicht der einzige.“

146 Tage – so lange bleiben laut Fachkräfteengpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit aus dem Juni 2018 offene Stellen in der Logopädie im Durchschnitt vakant. „Besonders in ländlichen Regionen werden viele dieser Stellen gar nicht mehr besetzt“, ergänzt Karrasch. „Es fehlt bereits jetzt schon vielerorts an Fachkräften, die die Patientenversorgung sicherstellen können.“

Bisher sei auch keine Besserung in Sicht, die Lage spitze sich sogar noch mehr zu. „Vielleicht leben wir bald in einem Land, in dem es Kinder gibt, deren Schulerfolg gefährdet ist, da sie zu spät oder keine Sprachtherapie erhalten haben. Oder es gibt Menschen mit Stimmstörungen, die nicht wieder arbeiten gehen können, da sie keine Stimmtherapie erhalten. Die Folgen eines Logopädenmangels betreffe jede Altersschicht.

Immer weniger wollen den Beruf erlernen

Es gibt zwei Aspekte, die den Nachwuchsmangel besonders begünstigt haben, weiß Karrasch. Zum einen sind das die sinkenden Bewerberzahlen, bedingt durch die immer noch meist hohen Ausbildungskosten – wenn auch bei diesem Thema Bewegung hereinkommt. „Obwohl in immer mehr Bundesländern das Schulgeld abgeschafft oder zumindest teilweise übernommen wird, gehen die Bewerberzahlen weiter zurück“, so die dbl-Präsidentin. „Viele Schulen senken das Anforderungsprofil, was allerdings der falsche Weg ist.“ Wichtig sei es, den Beruf zukunftsfähig zu machen. Dazu gehöre es, die Rahmenbedingungen in der Berufsausübung zu verbessern und die Ausbildung zu überarbeiten. Die Kosten dafür müssen, wie in der Medizin ganz selbstverständlich, übernommen werden und das veraltete Berufsgesetz novelliert werden, hin zur hochschulischen Ausbildung als Regelausbildung.

Aber auch negative Erwartungen würden bei vielen jungen Menschen dazu führen, sich gegen die Logopädie zu entscheiden. Etwa aus Angst, es könne ihnen in dem Beruf nicht gut gehen.

Fachkräfte verlassen den Job oder gehen in Rente

„Uns fehlt es aber nicht nur an Nachwuchs, es ist auch so, dass viele gut ausgebildete Logopäden den Beruf verlassen“, ergänzt die Präsidentin. Laut der Studie „Ich bin dann mal weg“ überlegen 50 Prozent der befragten Logopäden, aus dem Beruf auszusteigen. Viele empfinden ein Ungleichverhältnis zwischen Arbeitslohn und Anforderungen an die zu leistende Arbeit. Aber auch restriktive Rahmenbedingungen bei der Berufsausübung erhöhen die Unzufriedenheit. „Wir Therapeuten möchten unsere Patienten bestmöglich versorgen. Wenn wir daran gehindert werden, etwa durch ungeeignete Vorgaben zur Therapiefrequenz durch den Arzt, vergeht die Freude an der Arbeit“, so Karrasch. „Zu der Abwanderung kommt hinzu, dass nach und nach immer mehr Kolleginnen aus den geburtenstarken Jahrgängen aus dem Berufsleben ausscheiden und in Rente gehen.“

Hohes Lebensalter verändert die Therapie

„Aufgrund der steigenden Lebenserwartung erwarten wir zukünftig einen höheren Bedarf an logopädischen Leistungen für zunehmend komplexere Störungsbilder. Denn die Anzahl jener, die im höheren Alter mehrere, oft chronische Erkrankungen haben, wächst“, so die Präsidentin. Eigentlich müssten genau für diese Veränderungen längst schon die passenden Rahmenbedingungen geschaffen worden sein. „Wir reden also nicht nur davon, den Beruf attraktiv für den Nachwuchs zu machen, sondern ihn auch an die gesellschaftlichen Bedarfe anzupassen. Was ist nötig, um die Patientenversorgung zukünftig zu sichern? Wie müssen die Arbeitsbedingungen verändert werden? Welche Qualifikationen sind nötig, um den Veränderungen gerecht zu werden?“

Nur noch eine Art der Ausbildung – und zwar an Hochschulen

„Um auf solche Fragen Antworten zu finden, ist es unabdingbar, in Lehre und Forschung zu investieren“, so Karrasch. „Doch es gibt weder die dafür nötigen Gelder, noch haben wir ausreichend logopädische Studiengänge an Universitäten und Hochschulen.“ Alle sprachtherapeutischen Verbände und Berufsgruppen haben sich eindeutig zum Thema der zukünftigen Ausbildung positioniert, ergänzt die Präsidentin. „Wir fordern, dass die Ausbildung an Berufsfachschulen langfristig auf primärqualifizierende Studiengänge an Hochschulen und Universitäten übergeht.“ Es sei zudem wichtig, dass die Forschung dann auch den Weg in die Praxis findet, sprich, dass die Absolventen wissen, wie sie beispielsweise mit Leitlinien und Studien arbeiten und diese in der praktischen Tätigkeit anwenden können.

Auf das „Wie“ kommt es an

Ebenso auf der Agenda des dbl: Das Thema Vergütung. „Dabei geht es aber nicht nur um die Höhe an sich, sondern auch darum, welche Leistungen vergütet werden.“ Logopädinnen und Logopäden bekommen im Wesentlichen vier Positionen vergütet: Die therapeutische Behandlung selbst, zu der häufig auch Vor- und Nachbereitungen gerechnet werden, die Diagnostik, Hausbesuche und vereinzelt das Schreiben eines Berichts. „Doch die Arbeit umfasst weit mehr Tätigkeiten“, ergänzt Karrasch. „Telefonische Beratungen etwa oder die gesamte Kommunikation und der Austausch mit Ärzten, Krankenkassen und anderen Fachkräften.“ Das alles sind keine abrechenbaren Leistungen. Dabei seien besonders der Austausch mit dem Umfeld der Patienten und das interdisziplinäre Zusammenarbeiten Aspekte, die auf den Behandlungserfolg großen Einfluss haben.

Große Versäumnisse bei der Telematikinfrastruktur

Auf der Website der Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte mbH (gemantik) steht: Die Telematikinfrastruktur (TI) vernetzt alle Akteure des Gesundheitswesens im Bereich der Gesetzlichen Krankenversicherung und gewährleistet den sektoren- und systemübergreifenden sowie sicheren Austausch von Informationen. „Hier frage ich mich: Zählen Therapeuten nicht zu den Akteuren des Gesundheitswesens? Denn die Anbindung fehlt uns komplett“, so Karrasch. Das führe dazu, dass die Verwaltung der Patientendaten ineffizient ist und die interprofessionelle Kommunikation auf der Strecke bleibt. „Bei der Therapie von Parkinson-Patienten beispielsweise würde uns eine Vernetzung und der Zugriff auf die elektronische Gesundheitsakte enorm helfen. Wenn wir wissen, welche Störungsbilder vorliegen, welche Medikamente eingenommen werden und welche Fachrichtungen involviert sind, können wir die Therapie optimal anpassen.“

Entscheidungen müssen jetzt gefällt werden

Frau Karrasch zieht ein Resümee: „Wir sehen deutliche Zeichen aus der Politik. Aber es geht immer noch nicht schnell und zielgerichtet genug voran. Wir stehen vor einem Scheideweg. Wenn sich die Politik nicht entscheidet, die Verantwortung für die Ausbildung, die praktische Tätigkeit und die Forschung und Weiterentwicklung der Logopädie zu übernehmen, dann laufen wir in eine gefährliche Situation bei der Patientenversorgung.“

Zum Schluss weist Frau Karrasch noch auf einen Aspekt hin, der allzu häufig außer Acht gelassen wird: Das Einsparungspotenzial, das logopädische Therapie mit sich bringt. „Wenn beispielsweise ein Patient mit Schluckstörung nicht logopädisch behandelt, sondern über eine Sonde künstlich ernährt wird, entwickelt er möglicherweise wiederkehrende Pneumonien und muss auf der Intensivstation versorgt werden. Das koste nicht nur viel Geld, sondern entspräche auch keineswegs einer medizinisch sinnvollen und menschenwürdigen Patientenversorgung. Im Ernstfall kann er schwere Folgeerkrankungen davontragen, die möglicherweise vermeidbar gewesen wären. Es wäre interessant, im Rahmen von Studien in Erfahrung zu bringen, wie vielen Menschen die Umstellung der Sondenernährung auf selbständiges Essen vorenthalten wird, weil es nicht genügend Schlucktherapeuten gibt. Doch dafür brauche wir akademisch ausgebildete Logopädinnen und Logopäden – der Kreis schließt sich.“

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