Orthoptist/in

Aus dem Berufsalltag einer Orthoptistin

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am 17.07.2019

Patienten sind keine Maschinen, die man takten kann – erst recht nicht Kinder

Kerstin Hornig (48 Jahre) ist Orthoptistin und arbeitet, wie für den Berufsstand typisch, in einer Augenarztpraxis. Dort führt sie orthoptische Sprechstunden – besser bekannt als Sehschule – durch. Die Arbeit in der Praxis ist jedoch nur eines von drei beruflichen Standbeinen von ihr. Sie ist zusätzlich an der Hochschule Aalen im Studiengang Augenoptik/ Optometrie unter Prof. Dr. med. U. Schiefer tätig und schult Kinderärzte in Baden-Württemberg zum Thema kindliche Sehstörungen. Uns hat sie einen Einblick in ihren Berufsalltag gewährt, der sehr bereichernd ist, bei dem sie aber auch hin und wieder auf Unkenntnis für den Beruf stößt.

Kerstin Hornig stammt aus einer Optikerfamilie. Nach dem Abitur stand auch Frau Hornig vor der Entscheidung, ob sie die Tradition fortführt oder nicht. Sie entschied sich dagegen, kehrte dem Fachgebiet jedoch nicht ganz den Rücken zu. Denn: Sie machte eine Ausbildung zur Orthoptistin an der Universitäts-Augenklinik in Köln. Die Orthoptik ist ein Spezialgebiet der Augenheilkunde, bei dem die Prävention, Diagnose und Therapie von Sehschwächen, Schielerkrankungen und anderen Störungen, die das Auge betreffen, im Vordergrund stehen.

Nach langjährigen Praxistätigkeiten in Köln und Aachen arbeitet Frau Hornig jetzt im „Schwabenländle“ in der Augenarztpraxis von Frau Dr. med. Petra Roth. „Die Offenheit, auch mal links und rechts des Weges zu schauen, hat mir ermöglicht, neue Kontakte zu knüpfen. Es haben sich neue Türchen geöffnet, mich beruflich weiter zu entwickeln. Das reicht von der berufspolitischen Aktivität über die Fachkongressorganisation bis hin zur Zusammenarbeit mit Softwareherstellern für die Dokumentation in Augenarztpraxen.“

Ein Beruf, drei ganz verschiedene Tätigkeitsfelder

Neben der Tätigkeit in der Augenarztpraxis ist sie an der Hochschule in Aalen im Studiengang Augenoptik/Optometrie tätig und entwickelt unter der Leitung von Prof. Dr. med. Ulrich Schiefer ein Softwareprogramm, mit dem Ziel, dort eine Sehbehindertenbetreuung aufzubauen. Zusätzlich reist sie durch Baden-Württemberg und schult Kinderärzte zum Thema kindliche Sehstörungen. „Manchmal kommen auch Anfragen von Kindergärten zu diesem Thema rein. Ich veranstalte dort dann beispielsweise Mitmach-Tage, bei dem die Kinder sich in die Rolle von Sehbehinderten hineinversetzen dürfen. „Ich habe den Luxus, mich so breit aufzustellen. Der Bedarf für eine Vollzeitstelle in der Praxis wäre auf jeden Fall da, aber ich möchte einfach keinen Bereich aufgeben und glücklicherweise wird das von meiner Arbeitgeberin auch so getragen.“

Kein Tag ist wie der andere

Wenn Frau Hornig morgens in die Praxis kommt, weiß sie nicht, was sie erwartet. „Natürlich kenne ich einige Patienten, viele betreuen wir über mehrere Jahre. Das ist besonders bei Kindern der Fall. Da sich das kindliche Sehen bis etwa zum zwölften Lebensjahr entwickelt, ist die Therapie im Bereich Orthoptik auf mehrere Jahre ausgelegt“, erklärt sie. „Ich betreue aber auch Erwachsene, etwa jene mit Sehbehinderungen neurologischen Sehstörung.“ Neben den langjährigen Patienten kümmert sie sich aber auch immer wieder um Akutfälle, etwa wenn eine Mutter anruft und um einen zeitnahen Termin bittet, weil plötzliche Symptome aufgetreten sind oder die Sehhilfe des Kindes kaputt gegangen ist.

Hinzu kommen neue Patienten, die die Praxis wegen Sehproblemen/-störungen aufsuchen. „Für mich sind alle neuen Patienten erst einmal wie ein unbeschriebenes, weißes Blatt. Ich schaue zunächst, was den Patienten zu uns führt, welche Probleme vorliegen und wie die Vorgeschichte ist“, erklärt die Orthoptistin. Dann folgt die Untersuchung, die sehr unterschiedlich ausfallen kann, je nach Beschwerden oder Alter des Patienten. „Typische Orthoptik-Untersuchungen sind die Bestimmung der Sehschärfe (was sieht das Kind?), die Bestimmung der Brechkraft des Auges (Liegen Brechungsfehler des Auges vor?), eine Prüfung des beidäugigen Sehens, Testung auf Schielen und die Kontrolle der Beweglichkeit der Augen. Je nach Beschwerdesymptomatik können noch das Farbensehen, das Kontrastsehen, Gesichtsfeld, Blickmotorik, Pupillenfunktion und einige andere Untersuchungen erforderlich sein.“

Da ihre Chefin Tür an Tür mit ihr arbeitet, gehört die augenärztliche Untersuchung zur Vervollständigung des Befundes dazu. „Im Idealfall stellen wir direkt die Diagnose und leiten die passende Therapie ein“, so Hornig. „In manchen Fällen müssen wir die Patienten aber auch zur weiteren Abklärung an andere Fachärzte, etwa Internisten, Neurologen oder HNO-Ärzte weiterleiten.“

Es lohnt sich, hinter die Fassade zu schauen

Sie versuche immer, die Patienten nicht nur als Fall zu sehen und die Diagnose und Therapie nach Schema F zu stellen, sondern auch die persönlichen Umstände und das familiäre Umfeld mit einzubeziehen. „Ein Beispiel: Ein 10-jähriges Kind kam mit seiner Mutter zu mir, weil es sagte, es könne nicht mehr richtig sehen. Tatsächlich ergab der Test, dass es eine Sehleistung von 10 Prozent hatte. Wir untersuchten die Augen, konnte aber nichts Auffälliges erkennen. Dann setze ich dem Kind eine Brille mit Fenstergläsern auf. Die Sehleistung lag plötzlich bei 100 Prozent. Ich wusste, dass da irgendetwas anderes dahinterstecken musste. Natürlich kann ich dann zu der Mutter sagen: „Gehen Sie mit Ihrem Kind zu einem Psychologen.“ Diesen Weg habe ich aber nicht gewählt, sondern das Einzelgespräch mit der Mutter gesucht. Denn aus Erfahrung weiß ich, dass sich Kinder manchmal nicht anders zu helfen wissen, als auf so einem Weg Aufmerksamkeit einzufordern oder auszudrücken, dass sie etwas bedrückt. Im Gespräch mit der Mutter kam dann heraus, dass sich aktuell zuhause alles darum dreht, auf welche weiterführende Schule das Kind geht. Der Mutter war dieser Zusammenhang gar nicht so klar.“

Erfolgsgeschichten als Motivator

Was Frau Hornig besonders glücklich macht und sie in dem, was sie tut, bestärkt, sind die Momente, in denen sie sieht, dass sich ihre intensive und individuelle Betreuung bezahlt macht – so wie im Fall eines mittlerweile 12-jährigen Mädchens. „Sie hat eine angeborene Sehbehinderung mit einem Augenzittern (Nystagmus). Das erste Mal kam sie im Säuglingsalter zu mir. Von Anfang an habe ich sie mit passenden Sehhilfen versorgt – mit Brillen, Lupen und vergrößernden Lesegeräten. Zudem habe ich eng mit Sozialpädagogen zusammengearbeitet. Dank dieser intensiven Betreuung haben wir es geschafft, dass sie trotz ihrer Sehbehinderung einen normalen Kindergarten besuchen und später auch auf eine normale Schule gehen konnte. Mittlerweile besucht sie eine Realschule. Eine Art Laptop, der eine spezielle Kamera hat, die das Tafelbild vergrößert darstellt, hilft ihr, den Schulalltag gut zu bewältigen. Es war nicht immer leicht, die Kostenträger von der Notwendigkeit der Hilfsmittel zu überzeugen, aber jetzt ein selbstständiges Kind mit guter schulischer Perspektive zu sehen, entschädigt für den Aufwand.“

Zeit, ein wertvolles Gut

„So wie in fast allen Arztpraxen haben auch wir einen bestimmten Rhythmus, in dem wir die Patienten einbestellen“, sagt Frau Hornig. „Mal geht das auf, mal nicht. Gerade bei Kindern ist das immer schwer abzusehen. Es gibt jene, die machen das sehr souverän und dann gibt es eben jene, die zurückhaltender sind und erst einmal gar nichts sagen.“ Doch auch aus denen müsse sie Informationen herausbekommen, die sie für die Diagnose und die Therapie verwenden kann. Da sei dann ganz viel Einfühlungsvermögen gefragt. „Patienten sind keine Maschinen, die man takten kann – erst recht nicht Kinder.“ Es sei vollkommen normal, dass eine Sprechstunde halt mal ein wenig länger geht oder dass mal jemand warten muss.

„Ich bin mit meinen Zeitfenstern, die ich pro Patienten habe, ist unserer Praxis schon gut aufgestellt“, so Hornig.  Sie weiß, dass Kolleginnen in vielen anderen Praxen deutlich zügiger arbeiten müssen. „Das Gesundheitssystem ist einfach nicht darauf ausgelegt, sich die Zeit zu nehmen, die ein Patient gerade braucht. Das ist aber ein grundlegendes Problem – egal ob bei Ärzten, Orthoptistinnen oder Therapeuten.“

Ignoranz von einigen Ärzten

Zum Schluss des Gesprächs möchten wir noch erfahren, wie Frau Hornig die Zusammenarbeit mit Ärzten und anderen Berufsgruppen empfindet. Ihre Antwort ist sehr zwiegespalten. „Mit meiner Chefin Frau Dr. Roth ist die Zusammenarbeit wirklich sehr gut, es ist ein fachliches Geben und Nehmen. Auch die anderen Augenärzte, die Orthoptistinnen einstellen, wissen die Arbeit von uns sehr zu schätzen. Diese bilden unter allen Augenärzten jedoch die Minderheit. Viele – auch Kinderärzte – ignorieren das Fachgebiet nahezu komplett.“

„Das merken wir Orthoptistinnen besonders dann, wenn es um politische Entscheidungen geht“, fährt Hornig fort. „Ein Beispiel: Die Politik überlegt, bestimmte augenärztliche Leistungsziffern an die Leistungen von Orthoptistinnen zu koppeln. Wir befürworten das natürlich, ebenso wie all jene Ärzte, die mit uns zusammenarbeiten. Die Anzahl an Gegenstimmen war jedoch deutlich größer – es gibt deutschlandweit nur etwa 2.600 Orthoptistinnen. Zum Vergleich: Laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung (KBV) nahmen 2018 6.277 Augenärzte an der vertragsärztlichen Versorgung Teil. Der Vorschlag wurde abgelehnt und es blieb alles beim Alten.“

Engagement macht sich bezahlt

Wie gut die Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen, beispielsweise Sozialpädagogen ist, hängt ihres Erachtens insbesondere davon ab, wie engagiert die Orthoptistin ist. „Ich liebe meinen Beruf und setze mich sehr für die Patienten ein. In Kooperation mit anderen Fachgebieten, angefangen von Optikern über Heilhilfsmittelerbringern (z.B. Ergotherapeuten), Ärzten anderer Fachrichtungen bis hin zu Pädagogen, lassen sich für den Patienten die bestmöglichen Therapieerfolge erzielen. Dieses Engagement, was oft nach der Sprechstunde stattfindet, wird aber vom derzeitigen Gesundheitssystem nicht honoriert. Die Honorierung erfolgt nur noch nach den sogenannten WANZ-Kriterien: wirtschaftlich-ausreichend-notwendig-zweckmäßig. Dabei bin ich fest der Überzeugung, dass man durch kooperative Zusammenarbeit eine viel effizientere Therapie erreichen könnte.“

Zum Schluss sagt Frau Hornig: „Für mich hat sich der Einsatz bezahlt gemacht. Ich erfahre sowohl von vielen Patienten als auch von Kollegen und meiner Chefin die Wertschätzung meiner Arbeit. Und wie man am Werdegang sieht, kommen immer wieder Menschen mit spannenden Aufgaben auf mich zu, die ich gerne erfülle, sowie dieses Interview – vielen Dank Frau Antes!“

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