Physiotherapeut/in

In der Physio-Praxis: Den Schmerzen auf der Spur

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am 16.08.2017

Der Physiotherapeut Michael Kiefer leitet eine Praxis in Offenburg, die bereits seine Großeltern als Massagepraxis eröffnet hatten. Im Berufsalltag löst er mit gekonnten Handgriffen Verspannungen und bringt seinen Patienten passende Gymnastik-Übungen bei, erhebt aber auch Befunde und führt Gespräche mit Patienten und seinen Mitarbeitern.

Der Beruf des Physiotherapeuten wurde Micheal Kiefer schon in die Wiege gelegt. Seine Eltern waren Masseure und medizinische Bademeister mit eigener Praxis in Offenburg, die wiederum Kiefers Großeltern 1936 gegründet hatten. Er wuchs also mit der Therapie, mit Massagen und Krankengymnastik auf. Mit 16 Jahren, den Realschulabschluss in der Tasche, machte Michael Kiefer dann einen „kurzen Ausflug ins Kfz-Gewerbe“. Doch er merkte relativ schnell, dass die Arbeit ihm nicht gefiel – und wechselte 1984 nach einer Ausbildung zum Masseur und medizinischen Bademeister in die Praxis seiner Eltern.

Im Jahr 1994 trat das Masseur- und Physiotherapeutengesetz (MPhG) in Kraft, das die Krankengymnasten offiziell zu Physiotherapeuten machte und ihre Ausbildung neu regelte. Unter anderem war es nun Masseuren möglich, in einer verkürzten 18-monatigen Weiterqualifikation zum Physiotherapeuten zu werden. Genau das tat Michael Kiefer und übernahm im selben Jahr auch die Praxis seiner Eltern. Die Praxis hatte auch damals schon mehrere Mitarbeiter, Kiefer war also direkt Praxisinhaber und Chef einer Masseurin und einer weiteren Physiotherapeuten.

Auf Bewegungsapparat und Lymphödeme spezialisiert

Schon als Masseur hatte sich Kiefer für die Manuelle Lymphdrainage interessiert und Fortbildungen auf dem Gebiet gemacht. Die Lymphdrainage wenden Therapeuten an, wenn sich Flüssigkeit in Lymphgefäßen angesammelt hat und es zu Ödemen kommt, die sich zum Beispiel durch angeschwollene Arme oder Beine äußern. Mit speziellen Handgriffen versuchen Therapeuten dann bei der Lymphdrainage, die gestaute Flüssigkeit aus den Ödemen abfließen zu lassen.

Als Physiotherapeut bildete sich Kiefer dann zusätzlich in Manueller Therapie weiter. Dabei geht es primär darum, Schmerzen und Bewegungseinschränkungen am Muskel-Skelett-System zu behandeln. Diese orthopädischen Krankheitsbilder und die Lymphödeme sind bis heute seine Spezialgebiete geblieben.

Befunde, Gespräche, Therapie

Kiefers Tag beginnt damit, dass er seinen Tagesplan checkt, die Räume für die ersten Patienten vorbereitet und meist auch ein kurzes Gespräch mit seinen Mitarbeitern führt. Kurz darauf kommen auch schon die ersten Patienten und der Hauptteil des Arbeitstags beginnt, mit Gesprächen, Untersuchungen, Behandlungen und Hausbesuchen.

„Wenn ein Patient wegen seiner Beschwerden das erste Mal bei uns ist, verbringen wir die erste Sitzung manchmal nur mit Befunderhebung und Beratung“, sagt Kiefer. Das bedeutet, dass der Physiotherapeut den Patienten untersucht, ihm Fragen stellt und mit ihm zusammen überlegt, welche Ziele sie in der Therapie erreichen möchten. Seiner Erfahrung nach schätzen es die Patienten, dass der Therapeut sich intensiv mit ihren Problemen beschäftigt. Manche seien aber auch irritiert, weil die Physiotherapie eben nicht direkt mit der Therapie losgehe. „Für die Zukunft wäre es deswegen schön, wenn es für die Befunderhebung eine eigene Gebührenposition geben würde. So wäre die erste Sitzung sowohl für Behandlung als auch für Befund und Beratung da“, sagt der Praxischef.

In der Regel haben Patienten für ihre Behandlungen ein Rezept, das ein Arzt ausgestellt hat und das auch bereits festlegt, ob die Therapeuten Krankengymnastik, Manuelle Therapie, Lymphdrainage oder eine andere Behandlung anwenden. Da Michael Kiefer ein wenig zusätzliche Freiheit bei seinen Angeboten wollte, absolvierte er noch eine Ausbildung zum sektoralen Heilpraktiker in Physiotherapie. Dadurch darf er nun Diagnosen stellen und Patienten behandeln, die ohne Rezept kommen und die ihre Therapie selbst bezahlen.

Handgriffe durchführen, Übungen anleiten

Was genau während der Behandlung passiert, hängt von den Patienten und ihren Krankheitsbildern ab. „Wir haben uns im Lauf der Jahre viele Werkzeuge in unserem Werkzeugkasten zurechtgelegt und können uns daraus die zusammenstellen, die für die Therapie des jeweiligen Patienten geeignet sind“, erklärt Kiefer. Zum diesem Werkzeugkasten gehören manuelle Behandlungen, bei denen der Therapeut mit seinen Händen am Patienten arbeitet. Zum Beispiel übt er Druck auf bestimmte Stellen am Rücken aus, um die Strukturen dort, die Muskeln, Nerven und Faszien, zu beeinflussen und so etwa Verspannungen zu lösen.

Dazu kommen aktive Therapien – also solche, bei denen Patienten selbst gefragt sind. Der Physiotherapeut zeigt ihnen dazu Übungen, mit denen sie zum Beispiel Muskeln aufbauen und dehnen und die sie für zuhause als „Hausaufgaben“ mitbekommen.

Krankheiten auf der Spur, gemeinsam mit Ärzten

Manchmal merkt Kiefer aber, dass er alleine nicht weiterkommt. Vor kurzem etwa ging es einem seiner Patienten sehr schlecht. Seine Beschwerden wollten nicht richtig zur Diagnose passen, also rief der Physiotherapeut den Arzt an, der das Rezept geschrieben hatte. „Der Arzt und ich haben uns besprochen und uns darauf geeinigt, dass der Patient am besten zur weiteren Diagnostik ins Krankenhaus sollte“, erzählt Kiefer. „Am Ende kam dabei eine ganz neue Diagnose heraus, die auch rechtzeitig behandelt werden konnte.“

Für Kiefer war das ein Beispiel dafür, wie Therapeuten, Patienten und Ärzte gut zusammenarbeiten und Krankheiten auf die Schliche kommen können. „Über die Jahre haben sich ziemlich enge Kontakte zu den Ärzten in der Stadt entwickelt, ich als Physiotherapeut kann auch problemlos mal anrufen und Dinge besprechen“, sagt er. Er kenne auch verschiedene Praxen von spezialisierten Kolleginnen, an die er verweisen könne, wenn Patienten zum Beispiel Krankengymnastik für Säuglinge benötigen.

Zufrieden mit den Arbeitsbedingungen?

Mit der Situation seiner Praxis ist Kiefer im Allgemeinen sehr zufrieden – abgesehen von der Vergütung, die die Praxis von den Krankenkassen für ihre Therapie erhält. „Da ist noch deutlich mehr nötig, bis wir einigermaßen faire Löhne zahlen können“, sagt er. „Meine Mitarbeiter und auch ich als Praxisinhaber sollten ja von dem, was wir verdienen, auch leben können.“

Doch Kiefer ist einigermaßen optimistisch. Seit diesem Jahr sind die Vergütungssätze der Physiotherapeuten nicht mehr an die Entwicklung der sogenannten Grundlohnsumme gebunden, also der Summe der Gehälter, aus denen sich die Krankenversicherungsbeiträge speisen. Diese Bindung hatte dafür gesorgt, dass die Vergütung für Therapeuten zwischenzeitlich kaum gestiegen ist. „Die Kosten als Praxisinhaber, aber auch die Lebensunterhaltskosten sind uns in dieser Zeit ein wenig davongelaufen“, so Kiefer.

Jetzt, da die Politik die Weichen gestellt habe, könnten die Berufsverbände der Physiotherapeuten die Vergütung freier verhandeln. „Ich hoffe auf unsere Verbände, die in Baden-Württemberg bereits gemeinsam mit den Krankenkassen am Verhandlungstisch sitzen“, sagt er.

Praxisinhaber erhofft sich mehr Freiheiten

Auch der Blankoverordnung, die das kürzlich verabschiedete Heil- und Hilfsmittelversorgungsgesetz vorsieht, sieht Kiefer hoffnungsvoll entgegen. Die Idee dahinter: Ärzte geben auf einem Rezept nur noch die Diagnose an, Therapeuten wählen dann selbst die Methode und wie oft und in welcher Frequenz sie sie anwenden. „So wären wir etwas freier und könnten etwa in einem akuten Fall spontan eine Eisbehandlung oder Elektrobehandlung zusätzlich durchführen, ohne erst mit dem Arzt Rücksprache zu halten, ob er das noch auf dem Rezept ergänzt“, erklärt der Praxisinhaber.

Neue Gesetze, neue Ausbildung erwünscht

Ein Problem, dass er bislang vor allem bei Kollegen in der Branche mitbekomme, sei der Fachkräftemangel. Es werde immer schwieriger, neue Mitarbeiter für Physiotherapie-Praxen zu finden. Um das anzugehen, fände Kiefer es gut, wenn das Schulgeld für die Ausbildung bald wegfiele. „Überhaupt sollte sich einiges ändern an unserem Beruf und dem Berufsgesetz, das seit 1994 das gleiche ist“, sagt der Praxischef. „Wir brauchen neue Gesetze zur Ausbildung und der Berufsausübung: Der First Contact, wie ich ihn jetzt über den sektoralen Heilpraktiker für Selbstzahler habe, gehört schon in die Grundausbildung mit rein. Genauso komplette Zertifikats-Therapieformen wie Manuelle Therapie und Lymphdrainage, die einfach zum täglichen Handwerkszeug gehören.“

Bleibt zu hoffen, dass in Zukunft wieder genügend Menschen Physiotherapeut werden wollen – und dass auch Michael Kiefer einen Nachfolger findet, der irgendwann die lange Geschichte seiner Praxis fortführt.

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