Physiotherapeut/in

Visionen für die Krankenhaus-Therapeuten

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am 16.08.2017

In den 90er Jahren musste ihr Vater noch Zeitungen austragen, damit Stefanie Fimm sich die Ausbildung zur Physiotherapeutin leisten konnte. Heute ist sie leitende Therapeutin des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein – wo Physiotherapeuten auch nach Herztransplantationen und Schlaganfällen gebraucht werden.

Auch wenn ihr Arbeitsplatz heute ein Büro im Universitätsklinikum ist und nicht mehr die Behandlungsliege –  Stefanie Fimm ist seit ziemlich genau 20 Jahren Physiotherapeutin und stolz darauf. Dass sie den Beruf einmal lernen möchte, wusste sie schon in der 9. Klasse. Damals absolvierte sie ihr dreiwöchiges Schulpraktikum in einer Physiotherapie-Praxis. Sie war davon so begeistert, dass sie auch später freiwillig in den Ferien dort jobbte. Nach der 10. Klasse folgte dann aber erst einmal eine Ausbildung zur Arzthelferin.

Neues Berufsgesetz, immer noch teure Ausbildung

Dass Fimm erst danach den Weg zur Physiotherapie beschritt, lag daran, dass es damals – wie auch heute – kaum Ausbildungsplätze an staatlichen Schulen gab. Die meisten Physiotherapeuten machten eine teure Ausbildung an einer privaten Schule. Hinzu kam, dass 1994 das Masseur- und Physiotherapeutengesetz in Kraft trat, mit der aus der damaligen Berufsbezeichnung des Krankengymnasten offiziell der „Physiotherapeut“ wurde. Es gab eine neue Ausbildungs- und Prüfungsordnung: die nun drei- statt zweijährige Ausbildung, inklusive einem praktischen Jahr, stand nun unter die Verantwortung der Schulen.

Für Stefanie Fimm bedeutete das erstmal: Ein Jahr länger kostenpflichtig an die Physio-Schule. Die Familie rechnete herum, der Vater ging extra nebenbei Zeitungen austragen – und am Ende konnte sie ihre Ausbildung machen.

Karriere an Universitätskliniken

1997 beendete Frau Fimm ihre Ausbildung  und fand schnell eine Anstellung als Physiotherapeutin  in einer Praxis. 1999 wechselte sie in eine Klinik in Bochum und  arbeitete dort bis 2006. Daraufhin wechselte sie an die Uniklinik in Essen, wo sie als Teamkoordinatorin arbeitete. Fimm stieg relativ schnell zur Abteilungsleiterin für die konservative Therapie und später zur Bereichsleiterin auf. Ein Jahr lang leitete sie kommissarisch das Institut für Physiotherapie.  Berufsbegleitend absolvierte sie ein Studium in Health Care.

2012 erhielt Fimm eine Stelle als leitende Therapeutin an der Uniklinik in Kiel. „Ein Jahr später wurden die physiotherapeutischen Abteilungen der Universitätskliniken in Kiel und Lübeck zusammengelegt und mit einer strategischen Gesamtleitung besetzt. „Dort habe ich mich beworben und leite seitdem die Physiotherapieabteilungen für das komplette Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH)“, sagt sie. Nebenbei engagiert sich Stefanie Fimm auch in der Berufspolitik, seit 2014 sitzt sie im Vorstand des Berufsverbands PHYSIO-DEUTSCHLAND.

Etwas bewegen für die Therapeuten in der Klinik

Der Arbeitstag von Stefanie Fimm sieht mittlerweile ganz anders aus als in den 16 Jahren, in denen sie direkt am Patienten gearbeitet hat. „Nur wenn es wirklich gar nicht mehr geht, wegen Urlaub, Krankheit, zu vielen Patienten, bin ich nochmal mit dabei, was auch schön ist“, sagt sie. „Ich bin an der Behandlungsliege groß geworden und fühle mich dort immer noch zuhause.“ Heute findet ihre Arbeit in ihrem Büro statt, in Sitzungen und Gesprächen mit Klinikleitung und anderen Abteilungen. „Ich mache trotzdem noch Physiotherapie, ich bewege etwas für sie an der Klinik, versuche etwa, Stellen für Therapeuten zu halten und neue zu schaffen“, sagt Fimm.

Ob es um die Wirtschaftsplanung für das neue Jahr gehe, um Baupläne für einen Umbau am Klinikum oder die Zusammenarbeit mit den Logopäden – jeden Tag stünden neue Themen auf der Agenda. „Das lässt meinen Job manchmal sehr spontan sein und nie langweilig“, sagt Fimm. Meist stecken dabei sie und ihr Fachleitungs-Team die Köpfe zusammen. „Ich bin häufig die Impulsgeberin und bringe Visionen ein, gemeinsam planen wir dann, wie wir das umsetzen können.“

Physiotherapie in allen Bereichen der Klinik

Fimms Therapeuten sind in allen möglichen Bereichen der Klinik tätig – nicht nur da, wo es um Bewegung, Rückenschmerzen und Sportverletzungen geht. Sie therapieren auch Patienten nach Herz- und Nierentransplantationen und bei Krebserkrankungen. Sie sind in der Behandlung von Säuglingen tätig, in der Palliativabteilung, in der Neurologie und auf der Intensivstation.

Eine typische Aufgabe ist die sogenannte Frühmobilisation. Sie erhalten zum Beispiel Patienten, die eine schwere Operation, etwa eine Herztransplantation hatten, oder einen Schlaganfall. Wenn sie nach der Behandlung von den Beatmungsmaschinen abgenommen werden, machen die Therapeuten mit ihnen Atemtherapie und Beatmungsentwöhnung. Außerdem üben sie mit Patienten, die lange lagen, sich wieder zu bewegen, ihren Alltag zu bewältigen und selbstständig leben zu können.

Die Therapeuten tragen dabei an Fimm immer wieder die Frage heran, ob die Qualität ihrer Arbeit noch stimme: „Sind wir genug Leute, um die Patienten richtig zu versorgen? Ist es ausreichend, ist es gut gelaufen, was konnten wir mitgeben?“ In den letzten Jahren habe die Patientenversorgung sich immer mehr verändert. Die Patienten werden im Schnitt älter, sie haben mehr und schwerere Krankheiten. Und mit ihnen altern auch die Therapeuten, deren Branche mit einem Fachkräftemangel zu kämpfen hat.

Enge Zusammenarbeit mit Ärzten und Pflegekräften

Mit der Situation am UKSH ist Stefanie Fimm  sehr zufrieden. Sie selbst könne zum Beispiel auch Familie und Beruf wunderbar unter einen Hut bringen. „Wir Therapeuten haben am Klinikum außerdem einen ganz engen Schulterschluss mit Ärzten und Pflegekräften, können uns jederzeit mit ihnen abstimmen und Therapiekonzepte entwickeln“, sagt sie.

Außerdem arbeiten die Physiotherapeuten im UKSH in gewisser Weise freier als jene in den Praxen. Zwar bekommen sie Anordnungen von Klinikärzten, darauf steht aber in der Regel nur „Physiotherapie“, vielleicht noch eine Diagnose oder etwa der Wunsch nach einer Gangschule. Die ambulanten Verordnungen, die Patienten von niedergelassenen Ärzten erhalten, sind da eingegrenzter, mit Angaben wie „sechsmal Krankengymnastik, zweimal die Woche“. „Unsere Physiotherapeuten sehen sich den Patienten an, erstellen einen Befund und entwickeln daraus dann einen individuellen Behandlungsplan“, erklärt Fimm. Den „Direktzugang zum Patienten“, den viele Physiotherapeuten fordern, gebe es also faktisch in der Klinik bereits.

Dennoch würde sie sich wünschen, dass Therapeuten in Kliniken mehr wahrgenommen werden. „Viele Menschen, auch Politiker, haben nicht im Blick, wie sehr Physiotherapeuten in verschiedenen Bereichen eines Krankenhauses gebraucht werden, um die Menschen schnell wieder auf die Füße zu bringen“, sagt sie. Das habe zur Folge, dass die Politik oft nicht an die Klinik-Therapeuten denke, wenn sie die Situation von Pflegekräften und Ärzten in Krankenhäusern diskutiere.

Andere Position, immer noch Physiotherapeutin

Trotz aller Probleme in der Branche hat Stefanie Fimm in den letzten 20 Jahren nie bereut, dass sie Physiotherapeutin geworden ist. „Es ist toll, jetzt an einem anderen Drehpunkt zu sein und zu versuchen, in der Klinik, aber auch politisch, etwas für den Beruf zu bewegen“, sagt sie.

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