Podologe/Podologin

Interview zur Ausbildung: Wir brauchen ein Studium der Podologie

Alle für Gesundheit Podologie AfG :: Sitezuordnung :: Therapeutenkammer

am 16.08.2017

Christine Kuberka-Wiese leitete 1992 bis 2003 die BRK-Berufsfachschule für Podologie in Plattling. Die Schule war die zweite Berufsfachschule für Podologie in Deutschland. Wir haben mit ihr über die derzeitige Ausbildung und den Trend zur Akademisierung gesprochen.

Frau Kuberka-Wiese, wie wird man heute in Deutschland Podologe?

Wer Podologe werden will, absolviert eine zweijährige Ausbildung an einer der derzeit 37 Berufsfachschulen in Deutschland. Die Ausbildung ist in der Ausbildungs- und Prüfungsverordnung streng geregelt: Sie umfasst zum einen 2.000 Stunden theoretischen und praktischen Schulunterricht. „Praktisch“ heißt dabei, dass es in den Schulen praktische Therapieräume gibt, in die Patienten einbestellt werden, an denen die Schüler Behandlungen durchführen. Weitere 1.000 Stunden absolvieren die Berufsanwärter in Praxen außerhalb der Schule als praktische Ausbildung. Das sind vor allem podologische Praxen. Mindestens 280 Stunden müssen aber auch unter ärztlicher Aufsicht in Einrichtungen wie etwa dermatologischen Praxen oder Diabetesambulanzen stattfinden. Hier – außerhalb der Schule – üben die Schüler die Behandlungen dann routiniert ein.

Seit neuestem kann man Podologie ja auch studieren. Absolventen der Berufsfachschulen  können ein Bachelor-of-Science-Studium der Podologie anschließen, ein noch darauf aufbauender Masterstudiengang ist in Vorbereitung. Wie stehen Sie dazu?

Ich denke, dass die Akademisierung für unseren Beruf wirklich überfällig ist. Unsere Tätigkeit ist zum einen jetzt schon so anspruchs- und verantwortungsvoll, dass man bei der Ausbildung ruhig „aufstocken“ könnte: Wenn Sie einen Nagel falsch abschneiden oder bei der Hygiene Fehler machen, verursachen Sie schließlich ernsthafte Beschwerden beim Patienten. Besonders die Behandlung des Diabetischen Fußes erfordert viel Fachwissen. Es ist daher für mich unverständlich, dass die Ausbildung zum Podologen nur zwei Jahre dauert, man aber zum Beispiel drei Jahre braucht, um als Floristin das Blumenbinden zu lernen! Konkrete Inhalte, die ich gerne in der Ausbildung besser berücksichtigst sähe, wären zum Beispiel funktionelle Anatomie und podologische Biomechanik, außerdem BWL, EDV, Digitalisierung, Hygieneanforderungen und der „Sektorale Heilpraktiker“.

Zum anderen wünsche ich mir, dass das wissenschaftliche Arbeiten in unserem Fachgebiet vorangetrieben wird. Es müssten viel mehr Studien geführt werden, die die Wirksamkeit unserer Arbeit nachweisen, und es müsste viel mehr Veröffentlichungen geben. Wissenschaftliches Denken und Offenheit für neue Erkenntnisse sollten wir schon jungen Kollegen in der Ausbildung vermitteln. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass wir die Akademisierung brauchen, um im internationalen Vergleich mithalten zu können.

Wie läuft die Ausbildung denn in anderen Ländern ab?

Wir sind mit unserer Berufsfachschulausbildung ein wahrer Exot in Europa. In den Niederlanden, Belgien, Frankreich, Großbritannien – und seit neuestem auch in Griechenland – ist ein Studium bereits vorgeschrieben. Das Studium ist dort jeweils primärqualifizierend, das heißt es folgt nicht erst nach einer Berufsfachschulausbildung, wie derzeit bei uns in Deutschland. Man kann sagen, dass Deutschland zum Teil schnell und zum Teil langsam in der Entwicklung des Berufsbildes war: Es gab in Deutschland schon eine geregelte Ausbildung zum „Staatlich geprüften Medizinischen Fußpfleger“, als der Beruf in anderen Ländern noch gar nicht bekannt war. Hier waren wir Pionier!

Während andere Länder dann aber gleich einen akademischen Studiengang zum Podologen eingeführt haben, hinken wir nun hinterher. Immerhin gibt es mittlerweile einen Pilotstudiengang, der mit BOLOGNA-Kriterien konform ist und damit europaweit konkurrenzfähig. Jetzt geht es darum, ihn zum Standard-Ausbildungsweg zu machen. Dann könnten deutsche Podologen zum Beispiel auch viel leichter im Ausland tätig werden.

Wünschen Sie sich denn auch gleich ein primärqualifizierendes Studium?

Als ehemalige Schulleiterin kenne ich unsere derzeitige Schulausbildung sehr gut und weiß, dass sie sehr intensiv ist. Wenn man es schaffen würde, all die guten Bestandteile unserer jetzigen Ausbildung in ein Studium aufzunehmen, etwa die praktischen Teile, und dazu wissenschaftliche Inhalte hinzuzufügen – ja, dann würde ich ein primärqualifizierendes Studium bevorzugen.

Was hält im Moment den Nachwuchs davon ab, Podologe zu werden?

Das ist zum einen das Finanzielle: Es gibt in Deutschland nur eine staatliche Berufsfachschule, bei der Schüler kein Schulgeld zahlen müssen. Gerade im Hinblick darauf, dass Podologen später im Beruf nicht gerade reich werden, würde ich mir wünschen, dass die Ausbildung kostenlos wird. Zudem sind junge Leute auch einfach noch nicht ausreichend auf den Beruf aufmerksam geworden. Sie wissen nicht, wie wichtig Podologen für die Prävention und Rehabilitation von Beschwerden sind.

Das Positive: Wer sich dann aber einmal für ein so ungewöhnliches Tätigkeitsgebiet wie die Füße entschieden hat, bleibt meist auch dabei. Wer Füße nicht leiden kann, ergreift den Beruf vermutlich ohnehin nicht. Ich kann aber Entwarnung geben: Mit ungewaschenen Füßen kommt eigentlich fast nie jemand zu uns!

Zum Portrait von Christine Kuberka-Wiese

 

Kommentare