Podologe/Podologin

Pionier der Podologie: Ich habe meinen eigenen Beruf aus der Wiege gehoben

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am 16.08.2017

Als der heute 60-jährige Michael Ziller seine Berufslaufbahn begann, gab es weder Berufsfachschulen noch Kassenzulassungen noch vorgeschriebene Fortbildungen für Podologen – nicht einmal den Begriff „Podologe“. Durch viel Engagement hat Ziller das heutige Berufsbild mit erschaffen. Heute beobachtet er mit Sorge, wie immer mehr Kollegen ihre Zulassung zurückgeben.

Seit mehr als 30 Jahren in seiner Praxis in Schelklingen: Podologe Michael Ziller

Allein der Blick auf den eingewachsenen Zehennagel schien der Patientin weh zu tun. Sie war um die 40 Jahre alt und bedingt durch mehrere Chemotherapien äußerst schmerzempfindlich. Wie soll man auf eine solche Patientin eingehen? Im Bachelor-Studiengang der Podologie, den Michael Ziller mit über 50 Jahren noch begonnen hatte, hatte er glücklicherweise genau für diesen Fall Methoden der therapeutischen Kommunikation kennengelernt. „Das ist eine knallharte Wissenschaft!“, sagt er.

Daran, dass man einst Podologie an Hochschulen studieren können würde, war noch nicht zu denken, als Ziller 1984 beschloss, sein Berufsleben den Füßen zu widmen. Mit 27 Jahren war der gebürtige Schwabe damals eigentlich ausgebildeter Realschullehrer für Geographie und Biologie. Wie viele andere seiner Generation fand er jedoch keine Anstellung im Schuldienst. Ziller fand seinen „Plan B“ in der Fußpflegepraxis seiner Mutter in seinem Heimatort Schelklingen. Er machte die einzige Ausbildung, die es damals gab: eine – aufgrund seines Abiturs verkürzte – Lehre zum medizinischen Fußpfleger im Zentralverband der Fußpfleger Deutschlands (ZFD). „Ausbildung“, sagt er, müsse man aber in Anführungszeichen sehen, denn diese sei damals noch überhaupt nicht qualitätsgesichert gewesen. Die medizinische Fußpflege steckte noch in den Kinderschuhen.

Kassenzulassung: Schneller als das Gesetz

1985 arbeitete er als angestellter medizinischer Fußpfleger in der elterlichen Praxis und baute eine Filiale auf, deren Geschäftsführung er übernahm. Als Anfang der 90er Jahre in Plattling eine Berufsfachschule gegründet wurde, die Staatlich geprüfter Medizinische Fußpfleger ausbildete, meldete Ziller sich sofort zu einer Schulfremden-Prüfung an. „Ich musste mich auf eigene Faust vorbereiten“, erzählt er. „Ansonsten habe ich die gleiche Prüfung gemacht wie die Absolventen der Schule.“

Mit dem Abschluss in der Tasche reifte in Ziller die Idee, dass ihm eine staatlichen Prüfung eigentlich auch erlauben sollte, Patienten auf ärztliche Verordnung zu behandeln. Die förmliche Kassenzulassung brachte in Deutschland erst 2002 das Podologengesetz – Ziller hat aber den Weg für sie geebnet. „Ich bin damals auf die Kassen zugegangen“, erinnert er sich, „und diese wussten noch gar nicht so recht, wie sie mit meinem Wunsch umgehen sollten. Da ich nicht locker gelassen habe, habe ich aber einen Vertrag bekommen, mit dem ich als erster medizinischer Fußpfleger in Baden-Württemberg mit Billigung der Kassen auf Rezept behandeln konnte.“ Das Einzugsgebiet reichte schnell von südlich des Flusses Alb bis an den  Bodensee. Da auch die Ärzte unsicher waren, auf welchen Formularen sie zum Beispiel Behandlungen verschreiben sollten, informierte Ziller diese in Vorträgen. „Das ganze heutige Procedere von der Verordnung bis zur Abrechnung habe ich damit mitgestaltet“, sagt er.

Aufwändige Hygiene eingeführt

In den darauf folgenden Jahren investierte Ziller immer weiter in seine eigene Arbeit – und in die seines Berufsstandes. 1994 wurde er stellvertretender Landesvorsitzender des Zentralverbandes der Fußpfleger Deutschlands (ZFD) in Baden-Württemberg. 1998 gründete er mit Kollegen  den Verband Deutscher Podologen (VDP) und übernahm erneut die Rolle des stellvertretenden Landesvorsitzenden.

Baustellen gab es viele: „Hygiene war damals noch ein Fremdwort“, erinnert er sich zum Beispiel. „Dabei ist es in unserem Beruf so wichtig, dass wir unsere Instrumente tadellos hygienisch verwenden.“ Als einer der ersten Medizinischen Fußpfleger erwarb Ziller 2009 die Sachkenntnis für die Instandhaltung von Medizinprodukten in der ärztlichen Praxis nach der Medizinprodukte-Betreiberverordnung (MPBetreibV), die heute verpflichtend für alle Podologen ist.

Heute beginnt Zillers Arbeitstag um sechs Uhr morgens in seinem Hygieneraum und endet dort meist nach sieben Uhr abends. Die benutzten Zangen, Skalpelle und Feilen durchlaufen zur Sterilisation ein Ultraschallgerät, das aussieht wie eine kleine Spülmaschine, dann kommen sie in den Autoklav – ein Gerät zum Abtöten von Keimen, das wirkt wie eine Kreuzung aus Waschmaschine und Mikrowelle. Am Ende werden sie in frisch gefertigte Plastikbeutel vakuumverpackt. Die gesamte Anlage hat Ziller ungefähr 10.000 Euro gekostet.

„Sektoraler Heilpraktiker“ – als erster Antrag gestellt

Zillers Patienten sind zu etwa 95 Prozent Diabetiker, die auf ärztliche Verordnung ihr diabetisches Fußsyndrom von ihm behandeln lassen. Der Rest kommt auf Eigeninitiative, zum Beispiel um sich mit dem Skalpell entzündete Hühneraugen entfernen zu lassen. Dass Ziller nicht vom Arzt überwiesene Patienten überhaupt behandeln darf, hat er auch selbst mit in die Wege geleitet: „Wir Podologen brauchen eigentlich die Anweisung eines Arztes, um medizinisch notwendige Behandlungen auszuführen“, erklärt er. „Sonst dürfen wir nichts anderes tun als kosmetische Fußpfleger. Da Ärzte aber ausschließlich Patienten mit dem diabetischen Fußsyndrom zu uns schicken können, ist unser Patientenkreis ziemlich eng.“

Einen Ausweg schafft die Erlaubnis, nach dem Heilpraktikergesetz selbstständig Heilkunde am Fuß auszuführen: Ziller stellte als erster in Deutschland 2009 den Antrag auf Weiterbildung zum „Sektoralen Heilpraktiker für den Bereich Podologie“. 2011 hatte er den Titel und durfte damit auch ohne ärztliche Anordnung Fußkrankheiten behandeln.

Podologengesetz und Pilot-Studiengang

„Es gibt eigentlich nichts Schöneres, als wenn Sie selber einen Beruf mit erschaffen können“, schwärmt Ziller rückblickend. „Was bin ich damals mit meinen Verbandskollegen in Stuttgart aufs Amt gerannt, um unseren Beruf voranzubringen.“ Sein Berufsverband und er bereiteten etwa das Podologengesetz vor, das 2002 in Kraft trat. Erstmals gab es nun ein Gesetz, dass den Beruf, zum Beispiel dessen Ausbildung, bundeseinheitlich verbindlich regelte. Damit war auch der Begriff „Podologe“ geboren, der den „Staatlich geprüften Medizinischen Fußpfleger“ ersetzte. Gemeinsam mit seinem Verband entwickelte Ziller außerdem den Pilotstudiengang zum Bachelor mit. Als es diesen schließlich gab, immatrikulierte er sich gleich selbst. „Mit Mitte fünfzig noch ein Studium mit Präsenzphasen zu beginnen, ist schon heftig“, sagt er. „Aber ein lebenslanges Lernen gehört für mich einfach dazu!“

„Ich arbeite mindestens zehn Stunden am Tag“

Viel Zeit zum Pauken hat Ziller nicht. „Ich arbeite mindestens zehn Stunden am Tag, oft zwölf“, erzählt er. Nachdem er um sechs Uhr morgens bereits Instrumente sterilisiert hat, huscht er kurz zum Frühstücken in seine Wohnung im Nachbarhaus. Ab sieben herrscht dann Hochbetrieb in der Praxis. Um halb sieben Uhr abends verabschiedet er seinen letzten Patienten – und nun ruft die abendliche Hygiene wieder.

Besonders knapp ist die Zeit, wenn er die für Kassen-Podologen vorgeschriebenen Hausbesuche macht, meist montags, mittwochs und donnerstags: „Wenn meine Patienten 25 Kilometer weit weg wohnen und ich einen Termin um sieben Uhr morgens habe, muss ich entsprechend früh losfahren.“

Podologen geben Kassenzulassung zurück

Mit der Behandlung seiner Kassenpatienten kommt Ziller mehr oder weniger über die Runden. Von der AOK erhält er 30 Euro für eine komplette podologische Behandlung. Die Praxisräume seien sein Eigentum – das sei sein großer Vorteil. „Wenn jemand in einer Stadt wie Stuttgart oder München Miete zahlen muss, kommt er mit unter 50 Euro pro Behandlung aber nicht in die Gewinnzone“, sagt der Podologe. In München hätten deshalb viele Podologen in der letzten Zeit ihre Kassenzulassung zurückgegeben – oder erst gar keine beantragt.

„Eine Kassenzulassung berechtigt zur Abrechnung, aber sie verpflichtet auch“, erklärt er. „Wenn die Patienten in Ihre Praxis drängen, müssen Sie sie behandeln. Und Sie müssen auch Hausbesuche machen.“ Dazu kämen strenge Auflagen zum Beispiel dazu, wie viele Instrumentensätze eine Praxis vorhalten muss.

Ost-West-Schere noch immer vorhanden

Besonders kritisch sieht die Situation auch in den neuen Bundesländern aus. „Die Praxisausstattung kostet dort genauso viel wie hier, die podologischen Leistungen werden aber noch schlechter bezahlt“, klagt Ziller. „Kein Wunder, dass es dort so wenige Podologen gibt.“ Die Schere bei der Bezahlung sei zwar in den letzten Jahren schon viel weiter zusammen gegangen, es bliebe aber noch viel anzugleichen.

Sich für eine bessere Bezahlung mehr Privatpatienten zuzuwenden, komme für Ziller mit seinen knapp 60 Jahren aber nicht mehr in Frage. Bei einer Praxis auf dem Land wie der seinen sei schließlich nicht einmal garantiert, dass die Privatpatienten auch wirklich kämen.

Die Zukunft sieht Ziller eher in veränderten Bedingungen: mehr Unabhängigkeit von ärztlichen Rezepten, mehr Flexibilität, was die Zeit zwischen zwei Behandlungseinheiten anbelangt (Artikel „Verbesserungswünsche“ zur Podologie), mehr studierte Podologen . Sein Verband verhandle im Moment mit Kassen und Politik über all diese und weitere Dinge. Ob er selbst sie noch erleben wird, so der Podologe, wisse er aber nicht. 

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