Akademische Ausbildung in der Orthoptik

Alle für Gesundheit Orthoptik

am 17.07.2019

Die Gesundheitspolitik fordert verstärkt evidenzbasiertes Arbeiten, doch dafür fehlen uns die Voraussetzungen.

Wie alle Gesundheitsfachberufe bekommt auch die Orthoptik den demografisch bedingten Fachkräftemangel deutlich zu spüren. Schon seit einigen Jahren bleiben viele Ausbildungsplätze unbesetzt. „Bei der Orthoptik kommt dann noch hinzu, dass kaum jemand den Beruf kennt“, weiß Daniela Lemm, erste Vorsitzende des Berufsverband Orthoptik Deutschland e.V.. „Da wir eine sehr kleine Berufsgruppe sind, ist es schwer, sich in der Politik Gehör zu verschaffen.“ Dabei gibt es laut Lemm zwei große Baustellen, die dringend angegangen werden müssen – auch um den Beruf für Neueinsteiger attraktiver zu machen: Die Novellierung des Berufsgesetzes und damit verbunden das Thema Akademisierung.

In letzter Zeit häufen sich die Beiträge in den Medien über Therapeuten, die ihren Unmut über eine schlechte Vergütung, hohe Ausbildungskosten und drohende Altersarmut lautstark kundtun und die Politik zum Handeln auffordern. Mit erstem Erfolg – das Schulgeld etwa wurde in vielen Bundesländern bereits abgeschafft. „Es ist toll, dass sich in den Gesundheitsfachberufen etwas bewegt“, sagt Daniela Lemm. „Auch wir Orthoptistinnen haben Themen, die politisch dringend angegangen werden müssen, aber mit gerade einmal circa 2.600 Berufsangehörigen ist es gar nicht so einfach, sich Gehör zu verschaffen.“

 

Nicht Pflege, nicht Heilberuf

Dennoch führe der Verband natürlich immer wieder Gespräche mit verschiedenen Vertretern der Gesundheitspolitik – sei es auf Landes- oder Bundesebene. „Ich habe aber einfach das Gefühl, dass das eher Tröpfchen auf den heißen Stein sind“, sagt Lemm. „Wenn die Politik etwas anpackt, dann kommt das eher den großen Berufsgruppen wie Therapeuten und Pflege zu Gute, kleinere Berufsgruppen, wie z. B. die Orthoptistinnen* fallen einfach hinten runter.“

Nun könnte man denken: Schließt euch doch einfach den Therapeuten oder der Pflege an und macht euch gemeinsam stark. „So einfach ist das leider nicht“, weiß Lemm. „Im Gegensatz zu den Therapieberufen haben wir die Diagnostik im Berufsgesetz stehen und unsere Leistungen fallen nicht unter die Heilmittelerbringung. Auch pflegerisch werden wir nicht tätig. Wir stehen immer zwischen den Stühlen.“

 

Berufsgesetz: Ein großes Hindernis bei der Akademisierung

„Die Gesundheitspolitik fordert verstärkt evidenzbasiertes Arbeiten, doch dafür fehlen uns die Voraussetzungen. Wir sollen nachweisen können, dass das, was wir tun, auch wirklich wirkt. Doch wie sollen Orthoptistinnen Studien durchführen und den Umgang mit Studien lernen sowie deren Inhalte in ihrer täglichen Arbeit anwenden, wenn es keinen einzigen Studiengang in dem Bereich in Deutschland gibt?“ Schaue man ins Ausland, finde man ganz andere Voraussetzungen vor. „In den europäischen Ländern, in denen man die Orthoptik erlernen kann, geschieht das ausschließlich in Form eines Studiums.“ Der Verband spricht sich ganz klar für eine grundständige akademische Ausbildung aus.

Doch damit diese überhaupt etabliert werden kann, muss erst das Berufsgesetz novelliert werden. Denn derzeit ist die Führung der Berufsbezeichnung mit der Ausbildung an einer Fachschule für Orthoptik gekoppelt. Konkret bedeutet das laut §4 des Berufsgesetzes: „Die Ausbildung besteht aus theoretischem und praktischem Unterricht und einer praktischen Ausbildung. Sie wird durch staatlich anerkannte Schulen für Orthoptisten an Krankenhäusern vermittelt. Die Ausbildung schließt mit der staatlichen Prüfung ab und dauert drei Jahre.“

 

Von Ärzten entkoppelt arbeiten

Doch die Akademisierung fördere laut Lemm nicht nur die fachliche Patientenversorgung, sondern bietet auch die Chance, das Gesundheitssystem zu entlasten. „Voraussetzung dafür ist jedoch, dass mit der Akademisierung auch einhergeht, dass wir Orthoptistinnen unabhängiger von der Ärzteschaft arbeiten dürfen. Wir haben die Diagnostik in unserem Berufsgesetz verankert, sind aber an die Zusammenarbeit mit Ärztinnen und Ärzten gebunden“, erklärt Lemm. „Dürften wir selbstständiger arbeiten, würde das auch die Ärzteschaft entlasten. Denn ein Besuch bei der Orthoptistin wäre dann nicht automatisch an einen Arzttermin gebunden.“ Die fachliche Zusammenarbeit würde auch nach wie vor bei ganz vielen Patienten wichtig sein, aber eben nicht bei allen.

 

Die Patientenanzahl wächst

„Obwohl wir so eine vergleichsweise kleine Berufsgruppe sind, merken wir schon jetzt, dass unser Stellenwert im Gesundheitswesen immer wichtiger wird“, sagt die Orthoptistin und Vorsitzende des BOD. „Unser Patientenklientel erweitert sich immer mehr. Ganz früher hatten wir überwiegend die Kinder mit frühkindlichem Schielen und weniger die Erwachsenen, die wegen Schielens in Behandlung waren.“ Die Gruppe an Erwachsenen wachse jedoch zunehmend. „Wir werden immer älter. Dadurch nehmen auch allgemeine und neurologische Erkrankungen zu, die zu Seh- und Augenbewegungsstörungen führen können.“

Doch auch die Anzahl an (ehemaligen) Frühgeborenen, die Orthoptistinnen behandeln, erhöht sich laut Lemm. „Die medizinischen Möglichkeiten zur Versorgung entwickeln sich stetig weiter. Immer noch früher Geborene überleben, was natürlich sehr schön ist. Viele haben jedoch aufgrund der veränderten Entwicklung unter anderem auch mit Sehproblemen zu kämpfen.“

 

Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppens fördern

Einen weiteren Punkt, den Lemm als wichtig ansieht, ist die interprofessionelle Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen. „Diese findet zwar schon statt, aber immer noch viel zu wenig“, so die Vorsitzende des BOD. „Ein Beispiel: Wir versorgen immer mehr Senioren mit beispielsweise einer Makuladegeneration, die aufgrund von Sehverlusten eine vergrößernde Sehhilfe benötigen. Gleichzeitig versorgen viele Ergotherapeuten die Patienten auch zuhause, sie helfen ihnen, den Alltag mit der Sehschwäche besser bewältigen zu können. Wenn Ergotherapeuten wissen, welche Probleme beim Sehen vorliegen und wie die Orthoptistin tätig wird, dann können sich beide Berufsgruppen zugunsten der Patienten viel besser ergänzen.“

* Da überwiegend Frauen den Beruf ausüben, spricht man im beruflichen Alltag und in der Literatur in der Regel von Orthoptistinnen.

Kommentare