Arbeiten als Lehrorthoptistin

Alle für Gesundheit Orthoptik

am 17.07.2019

Ich mache angehende Orthoptistinnen fit für den Berufsalltag.

Oft sind es die kleinen Zufälle, die unser Leben prägen – so auch bei Petra Rioux. Sie ist 48 Jahre und arbeitet als Lehrorthoptistin an der privaten Berufsfachschule für Orthoptik am Klinikum der Universität München. Weil ihre Tochter eine Augenentzündung hatte, fuhr sie mit ihr zu ihrem Arbeitgeber: dem Klinikum der Universität München. Während der Chef der Berufsfachschule Riouxs Tochter behandelte, frage er Frau Rioux kurzerhand, ob sie sich einen Einstieg in die Lehrtätigkeit vorstellen könnte. Das war vor 12 Jahren. Seither untersucht sie nicht nur Patienten mit Augenproblemen, sondern macht auch angehende Orthoptistinnen fit für den Berufsalltag. Uns hat sie Einblicke in ihren Berufsalltag gewährt.

Über drei Ecken zur Orthoptistin

Eine Ausbildung bei der Polizei und dann in die Drogenberatung – das war Petra Riouxs großer Traum, als sie mit der Realschule fertig war. Voraussetzung für den Job war jedoch eine abgeschlossene erzieherische Ausbildung. „Im Vorpraktikum landete ich in einem Heim für misshandelte Kinder, eine Situation, die ich mit meinen damals 16 Jahren nicht verkraftet habe“, so Rioux. „Ich brach die Ausbildung ab und lernte Groß- und Außenhandelskauffrau.“ Da der Bürojob sie jedoch zunehmend unzufriedener machte, entschied sie sich, wieder zur Schule zu gehen. Sie machte ihre Fachhochschulreife und wollte danach eine Ausbildung zur Physiotherapeutin beginnen. Aufgrund von Rückenproblemen blieb ihr die Erfüllung dieses Wunsches jedoch verwehrt.

Auf einem Zettel zur Berufsinformation vom Arbeitsamt wurde sie dann auf den Beruf Orthoptistin aufmerksam. Sie absolvierte die dreijährige Ausbildung und machte 1995 ihren Abschluss. Sie begann ihre Tätigkeit als Orthoptistin am Klinikum der Universität München – zunächst als Schwangerschaftsvertretung. Danach war sie bis zur Geburt ihrer Kinder im Klinikum München Bogenhausen in der Neurorehabilitation tätig, um schließlich aus der Elternzeit heraus an die Berufsfachschule für Orthoptik des Klinikums der LMU zu wechseln.

Lehren und Patienten behandeln – die perfekte Kombination

Auch ohne Studium dürfen Orthoptistinnen als Lehrerin an Berufsfachschulen in den alten Bundesländern tätig werden. Und genau dieser Tätigkeit geht Rioux seit 2007 nach. Nach ihrer Elternzeit begann sie damit, Auszubildende zu unterrichten. Langsam steigerte sie die Lehrstundenzahl, von einem Vormittag auf dann 27 Stunden pro Woche. Sie lehrt die Fächer Physiologie des Binokularsehen (gleichzeitiges Sehen mit beiden Augen), Korrespondenz, Neurorehabilitation (etwa nach einem Schlaganfall) und Befundauswertung. Obwohl ein Studium keine Bedingung war, um als Lehrerin zu arbeiten, beschloss sie 2013 während der Lehrtätigkeit ein berufsbegleitendes Masterstudium (Pädagogik in Gesundheitsberufen) zu absolvieren – um persönlich weiterzukommen, wie sie selbst sagt.

Wenn sie nicht unterrichtet, betreut sie die Schüler praktisch oder führt selbst Untersuchungen durch und therapiert Patienten in der angeschlossenen Augenklinik. „Der Wechsel zwischen Lehre und Patientenbetreuung ist für mich perfekt und sorgt für viel Abwechslung im Berufsalltag“, sagt sie.

Anhand Riouxs Diagnose operieren die Ärzte

„Die Prävention, Diagnose und Therapie von Störungen des ein- und beidäugigen Sehens bei Schielerkrankungen, Sehschwächen und Augenzittern gehören zur Hauptaufgabe einer Orthoptistin“, erklärt Rioux. Insbesondere der Bereich der Diagnostik unterscheide ihren Beruf von vielen anderen Gesundheitsfachberufen. „Wenn ein Patient zu uns in die Klinik kommt, nehme ich als erstes die Anamnese auf – Vorstellungsgrund, Abfrage der Beschwerden und was bisher geschehen ist. Danach führe ich die orthoptischen Untersuchungen durch, um den Grund für die Beschwerden herauszufinden. Ich prüfe das räumliche Sehen, wende Covertests zur Ermittlung der Schielform an, prüfe die Augenbeweglichkeit, messe Schielwinkel in allen Blickrichtungen sowie die Sehschärfe und prüfe die Zusammenarbeit beider Augen.“

In der Klinik behandele sie sehr viele Menschen, die schielen. Riouxs Aufgabe ist es dann, zu ermitteln, um welche Art des Schielens es sich handelt. „Es gibt versteckte Schielformen und manchmal kommt es vor, dass der Patient gar nicht weiß, dass er schielt und dass dieses Schielen dann die Ursache seiner Beschwerden, zum Beispiel Kopfschmerzen oder Kopfzwangshaltung, ist“, so die Orthoptistin.

Die ermittelten Messungen fasst Rioux zusammen und gibt sie an den behandelnden Augenarzt weiter. Dieser entscheidet dann, ob eine Operation stattfinden kann oder (noch) nicht. Anhand der Messwerte nimmt der Arzt dann den Eingriff vor, wenn eben nötig. „Bei fast jedem Patienten mit angeborenem oder erworbenem Schielen ist letztlich das Ziel, eine Operation durchzuführen“, weiß Rioux. „Denn beim Schielen gibt es nur wenig Alternativtherapien. Dazu zählen etwa eine optimale Brille und Prismen, die ich anpasse.“

Sie gibt Patienten neue Hoffnung

Einige Patienten betreut Rioux über einen langen Zeitraum – bis hin zu einem Jahr. „Das ist beispielsweise der Fall, wenn Patienten Lähmungen aufgrund einer Durchblutungsstörung im Auge haben“, so Rioux. „Da sich die Lähmung manchmal während dieser Zeit spontan zurückbildet, warten die Augenärzte mit einer Operation meist.“ Sie betreut dann die Patienten und versucht, so gut es geht, die Symptome zu lindern. Kleinere Schielwinkel lassen sich mit Prismenfolien ausgleichen, bei größeren Schielwinkeln muss zur Vermeidung von Doppelbildern ein Auge abgeklebt werden. „Besonders schön ist es zu sehen, wenn die Patienten dadurch ihren Alltag wieder selbstständiger gestalten können“, berichtet die Orthoptistin. „Denn erst sieht das Leben nach der Diagnose für viele oft ganz schwarz aus. Sie sind oft sehr eingeschränkt, können nicht mehr Autofahren und in vielen Fällen auch nicht mehr arbeiten.“ Sie gebe ihnen mit der passenden Therapie neue Hoffnung und Lebensfreude.

Hohe Wertschätzung von Ärzten

In der Klinik sind Rioux und ihre Kolleginnen gefragte Experten. „Die meisten Augenärzte wissen sehr wenig über das Schielen“, weiß die Orthoptistin. „Unser Fachwissen schätzen die Ärzte daher sehr, die Zusammenarbeit ist wirklich gut.“ Sie habe das Gefühl, von den Ärzten fachlich immer ernst genommen zu werden und empfindet die Zusammenarbeit auch mit jenen Ärzten als sehr angenehm, die ihr hierarchisch weit übergeordnet sind. „Wir tauschen uns auch mit anderen Berufsgruppen aus, insbesondere mit den Optikern, um zu erfahren, ob es Besonderheiten mit der Brille gibt. „Jeder ist Experte auf seinem Gebiet und zusammen schauen wir, wie wir es erreichen können, dass der Patient den bestmöglichen Behandlungserfolg hat.“

Teilzeit gut möglich

Auf die Frage, wie zufrieden sie mit ihren Arbeitsbedingungen ist, antwortet Rioux mit einem eindeutigen „sehr“. „Die Rahmenbedingen passen und was für mich lange Zeit besonders attraktiv war, ist, dass man als Orthoptistin unglaublich gut in Teilzeit arbeiten kann. Denn viele Ärzte brauchen nur stundenweise eine Orthoptistin in der Praxis.“ Für jene, die neu in den Beruf einsteigen, kann das aber auch ein Nachteil sein, wie sie weiß. Denn nicht immer bekomme man zu Beginn eine volle Stelle. Entweder man arrangiere sich damit, oder fährt das Modell: Eine halbe Stelle hier, eine andere halbe Stelle dort.

Immer straffere Zeitfenster – das muss sich ändern

Dennoch gibt es einen Punkt, den Frau Rioux mit Sorge betrachtet: Das stetig wachsende Patientenaufkommen. „Man wird dem oft nicht mehr Herr der Lage“, ergänzt sie. „Die Medizin entwickelt sich in ein Wirtschaftsgebiet. Wir bekommen immer kleinere Zeitfenster pro Patient. Hier in der Klinik können wir uns mit einer halben Stunde noch glücklich schätzen.“ In der Praxis beliefe sich die Zeit oft auf nur zehn Minuten. Es gebe Patienten, da gehe die Rechnung auf, etwa wenn sie nur die Sehschärfe überprüfen müssen. „Anders sieht es bei aufwändigeren Untersuchungen oder älteren Patienten aus, die nicht mehr so schnell agieren können und in der Regel auch mehrere gesundheitliche Probleme haben“, so Rioux. „Uns Orthoptisten wäre schon geholfen, wenn wir die Zeiteinteilung flexibler gestalten könnten. Aber das ist meist nicht möglich. Diese Entwicklung ist sehr unangenehm – sowohl für uns als auch für die Patienten.“

Kommentare